Riesenmaschine.de

Some Blogs Are Bigger Than Others

25.10.2005, 12:46, Text: Martin Riemann, Martin Riemann

So oder so ähnlich heißt es schon in einem beliebten Oldie. Das sind weise Worte, denn wie oft gerät man beim Googeln des einen oder anderen Begriffs auf Webseiten von verwirrender Unordnung und penetrantester Engstirnigkeit. Diese Seiten nennen sich dann Blog und werden oft von Menschen betrieben, die keinen feineren Zeitvertreib kennen, als ständig neue Beweise für die eigene Fantasielosigkeit ins Netz hinauszuposaunen, mit verführerischen Suchworten ahnungslose Wissenshungrige in die Einöde eines rechtschreibschwachen Daseins zu locken und dem fassungslosen Betrachter ihre obligatorische Emoticon-Sammlung zu präsentieren.

Dass das zwanghafte Notieren der eigenen Erlebniswelt nicht unbedingt ein Fluch sein muss, sondern sogar ein Segen sein kann, beweist der Blog

ist schön benutzerfreundlich strukturiert. Einige Rubriken: Nachtleuchtendes, Fakten und Figuren, Zeichen und Wunder, Papierrascheln, Anderswo, Vermutungen über die Welt, Was fehlt. Außerdem gibt es noch die praktische Shuffle-Funktion, die einem die Auswahl des nächsten Beitrags gerne abnimmt.', FULLHTML, STICKY, MOUSEOFF)\" onmouseout=\"return nd();\">Riesenmaschine.de, der sich einem Verbraucherschutz der besonderen Art verschrieben hat. Hier wird blitzschnell über die mannigfaltige uns umgebende Warenwelt berichtet, deren Ansinnen, diverse Produkte bzw. Lebenswelten als unwiderstehlich erscheinen zu lassen, mitunter so abenteuerlich ausfällt, dass sich die Frage aufdrängt, warum hierzulande nicht schon längst in derart gebündelter Form darüber berichtet wurde. Angenehm ist, dass sich die überaus komplexe Riesenmaschine hierbei nicht auf das reine Präsentieren von Novitäten wie Katzenstreu aus Backpulver, nachtleuchtender Bettwäsche, krustenlosem Brot oder dem sich seit Jahren konsequent seiner Lancierung widersetzenden elektronischen Papier beschränkt, sondern sich zusätzlich der - von unaufdringlichem Know-how gespeisten - Kritik bezüglich der Vermarktung all dieser wichtigen Dinge widmet. Darüber hinaus kommen auch schwierige Klassifikationen verschiedener Ameisenstämme, obskure Weltraumfahrstühle, genmanipuliertes Hamstersperma und eine putzige Affinität zu allerlei Urviechern wie Wollnashörnern, Arsinotherien, Andrewsarchusen, Säbelzahntigern, Adorno und Horkheimer nicht zu kurz.

Die überraschend einfache Klammer, die den gigantomanischen Blog zusammenhält, erschließt sich, wenn man den Untertitel von Riesenmaschine betrachtet. Der lautet nämlich \"das brandneue Universum\" und setzt die selbst gerade erst in Berlin frisch aus der Taufe gehobene Webseite in eine Tradition mit einer wohlverdienten Buchreihe gleichen Namens, die schon Mitte des vorigen Jahrhunderts versprach, die \"interessantesten Entdeckungen und Erfindungen auf allen Gebieten\" zwischen zwei Buchdeckeln zu versammeln. \"Wir fühlen uns dem Schönen und Guten, dem Hässlichen und dem Schlechten verpflichtet. Hauptsache, es ist neu\", fasst es ein Riesenmaschinist der ersten Stunde zusammen.

Dieses \"Neue\" zu erkennen ist eine Sache und mag dem einen oder anderen als einfache Übung erscheinen, doch muss noch unbedingt auf eine weitere wichtige Bedingung hingewiesen werden, die die Macher als Hürde vor eine mögliche Veröffentlichung gesetzt haben: \"Man muss schon eine Geschichte um die Produkte und Trends bauen. Ein bloßes unkritisches Nennen bzw. Auflisten wäre langweilig.\" Wobei man die gewünschte Kritik nicht als jenen Kulturpessimismus interpretieren sollte, der in der Faszination des modernen Menschen für allerlei unnützen Tand etwas Unheilschwangeres begreift. Der gängigen Meinung, die das heutige Konsumentenverhalten mit dem einiger amerikanischer Ureinwohner vergleicht, die sich seinerzeit mit Hilfe billiger Glasperlen von profitgierigen Seeleuten ihre Reichtümer abschwatzen ließen, wird hier ein optimistischerer Standpunkt entgegengesetzt. Schließlich waren die Indianer wohl zumindest eine gewisse Zeit glücklich mit dem eingetauschten Kram. Und mehr will doch heute ohnehin kein Mensch mehr ernsthaft erreichen, oder? Die Ambition, das überbordende Angebot, das unser tägliches Leben beeinflusst, zu strukturieren und dem Leser mittels der oft sehr lustigen Kommentare näher zu bringen, ist insofern sinnvoller, als eine diffuse Paranoia gegenüber den eifrigen Erfindern, Wissenschaftlern und Künstlern, die uns ihre Erstaunlichkeiten anbieten, zu wecken.

Neben Schriftstellern, Journalisten, Kulturwissenschaftlern und Marketingexperten sorgt sogar ein Astronom dafür, dass den potenziellen Besuchern des beliebten Blogs nichts entgeht, was zukünftig innerhalb und außerhalb unseres Universums ersonnen, gebaut, verpackt und feilgeboten wird. Und auch du, lieber Leser, hast die Möglichkeit, deine Entdeckungen und Geistesblitze in die Riesenmaschine zu speisen, sofern du in der Lage bist, den oben genannten strengen Kriterien Genüge zu tun. In dieser Beziehung könnte die für den 19.11. angekündigte Riesenmaschine-Launch-Party im Berliner Golden-Gate-Club ein nützliches Tool sein, wenn man sich am weiteren Ausbau des Projekts beteiligen will, das sicher schon bald wie der Pilz Halimasch unser Netz durchwuchern wird.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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