Im Studio mit Tomte

In einer überhitzten Garage

28.09.2005, 15:27, Text: Joachim Schaake, Joachim Schaake

Seit Anfang Mai finden sich Tomte zusammen mit dem Grand-Hotel-Haus- und Hofproduzenten Swen Meyer in steter Regelmäßigkeit im Hamburger MOB Studio zusammen, um ihr nunmehr viertes Album aufzunehmen. Besucher der diesjährigen Sommerfestivals durften zwar bereits erste Versionen einiger neuer Songs hören, davon abgesehen wird es jedoch noch eine ganze Weile dauern, bis das große Geheimnis gelüftet ist. Erst Anfang 2006 kommt die Platte in die Läden. Intro durfte exklusiv hinter die Kulissen schauen und dabei sein, wie Thees Uhlmann die neuen Lieder einsingt, Olli Koch ihm erklärt, welche Textzeilen warum für Missverständnisse sorgen werden, und Swen an den Reglern den Shit tight macht.

Es ist wieder mal spät geworden. Swen Meyer plädiert eigentlich für Feierabend, um die eigenen Nerven und des Kreativen Stimme nicht überzustrapazieren. Doch Thees hat noch nicht genug für heute, obwohl er gerade zum circa 30. Male die zweite Strophe von \"Walter Und Gail\" einsingen musste und sein Produzent immer noch nicht zufrieden ist mit dem Resultat. \"Sing mal so, als ob du in einer überhitzten Garage in Kalifornien stehst, morgen aber in New York einen Auftritt hast, der dein Leben verändern wird\", coacht Swen Meyer. Thees singt, wie ihm geheißen, und tatsächlich sitzt dieser Take. \"Wahnsinn!\" meint Thees. \"Visualisierung\", nennt es Swen Meyer.

Mit dem Einsingen der Gesangsparts geht ein langer Prozess zu Ende. Ungefähr zu Beginn dieses Jahres intensivierten Tomte die Arbeit an einem neuen Album. In klassischer Profibandmanier zog man sich aufs Land zurück, um gemeinsam an Songideen zu arbeiten. Erstmals waren alle fünf Bandmitglieder von Anfang an beteiligt. Im Anschluss daran wurde ausufernd geprobt, bis man den Eindruck gewann, genug Material für die Aufnahmen zusammenzuhaben. Tomte sind nicht die Sorte Band, die erst im Studio anfängt zu komponieren. \"Wir sind mit zehn Liedern ins Studio gegangen, und mit zehn kommen wir wieder raus. Das Songwriting dauert so lange, dass ich kein Stück mitbringe, von dem ich nicht überzeugt bin\", erklärt Thees den langen Vorlauf.

Zwar sind die Mittel der Band nach dem erfolgreichen Vorgänger \"Hinter All Diesen Fenstern\" nicht mehr ganz so begrenzt wie zu \"Eine Sonnige Nacht\"-Zeiten, wo man gerade genug Geld zusammenkratzen konnte, um für neun Tage einen Proberaum mit mehr oder minder funktionstüchtigem Mischpult zu mieten, aber auch bei Grand Hotel Van Cleef wird professionell auf die Kosten geschaut. Was kostet es eigentlich, so ein Album aufzunehmen? Thees: \"Keine Ahnung!\" Was heißt hier keine Ahnung, du bist doch der Label-Boss! \"Ich bin ja nur der Halligalli-Gute-Laune-Mann in der ersten Reihe. Ist aber schon teuer. Die letzte Platte war ungefähr so teuer wie das Haus, das sich meine Eltern damals in den 70ern aufm Dorf gebaut haben.\"

\"Ich weiß noch genau, an welcher Stelle ich den Namen Swen Meyer zum ersten Mal gehört habe\", erinnert sich Thees an einen nachmittäglichen Kiez-Spaziergang, bei dem Marcus Wiebusch lange vor Beginn ihrer Grand-Hotel-Allianz zu ihm sagte: \"Ach ja übrigens, da hinten wohnt Swen Meyer, mit dem machst du bald mal 'ne Platte zusammen. Wir machen jetzt die nächste ... But Alive mit dem. Das ist ein spitzenmäßiger Typ, der opfert sich auf für die Künstler.\" Nach der letzten ... But Alive folgte die erste Kettcar, und das gerade gegründete Grand-Hotel-Label hatte seinen Hausproduzenten bereits gefunden. Insofern war es für Tomte geradezu selbstverständlich, nach der fruchtbaren Zusammenarbeit an \"Hinter All Diesen Fenstern\" erneut bei Swen Meyer zu produzieren. \"Für mich ist Swen wie ein sechstes Bandmitglied. Sein Instrument ist das Studio. Wenn er spontan entscheidet, wir nehmen das mal durch den kaputten Verstärker in der Ecke auf, dann hat so was natürlich einen fundamentalen Einfluss.\" Der Input des Produzenten lässt sich für Thees sehr konkret bestimmen: \"Alle Lieder zusammengenommen kann ich dir mindestens dreißig Stellen zeigen, auf die Swen Meyer gekommen ist.\"

Nachdem Thees die Arbeit an den Vocal-Tracks für heute Abend endlich abgeschlossen hat, verstrickt ihn Olli noch in eine längere Diskussion über einige Textpassagen. Für Thees ist das ein großer Schritt. \"Hättest du mir vor drei Jahren gesagt, dass ich mal jemanden an meine Texte ranlassen würde, hätte ich gesagt, du spinnst. Jetzt lass ich Swen und Olli da ran. Wenn mir jemand früher gesagt hätte, das Wort hier find ich jetzt nicht so geil, hätte ich ihm gesagt: Weißte was? Ich find dich auch nicht so geil.\" Ohne diese Vertrautheit würde eine Band wie Tomte wahrscheinlich auch gar nicht bestehen können. \"Dieses Dicht-gedrängt-Sein als Band im Studio, diese Pflicht zur Kreativität, das erzeugt magische Momente. Ich weiß jetzt nicht, ob das Techno-Leute auch haben, dass sie den ganzen Tag vorm Rechner sitzen, und dann kommt plötzlich das Aha-Erlebnis.\"

Tomte sind eine Band, an der gerade das Unfertige so charmant wirkte. Inzwischen hat sich eine mehr als stabile Bandstruktur entwickelt, und die Arbeit im Studio ist Routine geworden. Und Thees, dessen Verlorenheit und Gereiztheit sich immer eins zu eins auf seine Lieder abfärbte, ist nun ein erfolgreicher Labelmacher und wirkt auch sonst ganz zufrieden. Kann das so noch funktionieren, oder ist die Sache zum Scheitern verurteilt wie bei Chris Isaak, als er aus dem Blue Hotel auscheckte? \"Ich merkte, dass ich anfing, Lieder zu schreiben mit Zeilen wie 'Ich bin voll / Mit geht's schlecht / Ich wär gern noch voller / Ich fühl mich wie ein Specht' und dann gemerkt habe, dass ich das nur so geschrieben habe, weil ich es immer so geschrieben hab, aber das ja gar nicht mehr stimmt.\" Aus diesen festgefahrenen Strukturen musste er sich erst einmal befreien. Trotzdem bleibt immer noch genügend Hass auf unmoralische und stressende Menschen übrig, um aus den Liedern echte Tomte-Songs zu machen, die gar nicht so besonders weit von dem entfernt sind, was auf \"Hinter All Diesen Fenstern\" zu hören war. \"Ich glaube, wenn man einmal alle vier Tomte-Platten hintereinanderweg hören wird, ist das fast so, wie eine Biografie von Günter Grass zu lesen.\" Wäre dieser Spruch nicht so lang, er könnte beinahe als Arbeitstitel für das neue Tomte-Album durchgehen.

Digital vs. Analog
Im Hamburger MOB Studio kann sowohl analog als auch digital aufgenommen werden. Produzent Swen Meyer bevorzugt beispielsweise, Bass und Schlagzeug analog als Set aufzunehmen, um einen direkteren und kompakteren Sound zu erreichen. Gesang hingegen lässt sich leichter digital aufnehmen, weil man unter anderem weniger mit zischenden S-Lauten zu kämpfen hat.

Das 120-Euro-Ding
Thees' liebstes Studio-Equipment ist der Millennia TD 1. Ein Vorverstärker mit integriertem Equalizer. Wird zum Beispiel zum Bass-Aufnehmen verwendet. Swen: \"Das ist totaler Quatsch, das jetzt so hervorzuheben.\" Thees: \"Ich finde super, dass der so unspektakulär aussieht, aber wohl extrem wichtig ist, auf jeden Fall macht Swen da dauernd dran rum. Sieht aus wie 120 Euro, kostet aber wahrscheinlich das Zehnfache.\"



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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