Tonträger selbst gemacht

Als Band hast du es schwer – Teil 2

19.07.2005, 16:57, Text: Jörg Koch, Jörg Koch

In Intro #128 wurde beschrieben, was beim Mastern der Audioproduktion zu berücksichtigen ist, und auch das passende Tonträgerformat wurde virtuell gewählt. Bei der Vinylplatte gab es einige Dinge zu beachten, der Produktionsprozess ist etwas komplizierter als bei der CD. Wenn in den letzten vier Wochen immer noch kein Plattenvertrag in den Briefkasten geflattert ist, führt jetzt wohl kein Weg daran vorbei, die Sache endgültig selbst in die Hand zu nehmen.

CD-Herstellung

Bei der Herstellung von CDs gibt es zwei Verfahren. Beim klassischen wird ein Glasmaster hergestellt, von diesem werden dann die CDs gepresst. Die Kosten für die Herstellung des Glasmasters sind vergleichsweise hoch, sodass insbesondere bei kleinen Stückzahlen eine CD-Produktion unverschämt teuer wird.

Einige Presswerke bieten deswegen speziell für Kleinserien eine optische Vervielfältigung an, d. h., sie brennen die CDs. Beim Erstellen der CD unbedingt darauf achten, dass nach dem Redbook-Standard gearbeitet wird.

Presswerk

Das Leben besteht aus komplizierten Entscheidungen, und die Wahl des richtigen Presswerkes ist eine. Allgemein ist die Ansicht verbreitet, dass Presswerke im außereuropäischen Ausland wesentlich günstiger seien, und ein Freund weiß von einem Freund, der ein Presswerk in Rumänien kennt, das ganz billig ist. Bedacht werden sollten zwei Dinge: Zum einen könnte ein Teil des Preisunterschieds durch die nicht im Preis enthaltenen Steuern zu erklären sein. Statt dieser wird dann aber ein Einfuhrzoll fällig. Auch sollte bereits im Vorfeld geklärt werden, wie die Lieferung der Tonträger erfolgt. Auch so eine kleine Menge wie 500 Platten kann sich im Kleinwagen recht sperrig ausmachen, wenn man sie vom Zollamt am Flughafen abholen muss. Komischerweise sind auch Sprachbarrieren bei der Auftragserteilung manchmal weniger gering als bei der späteren Reklamation eines Herstellungsfehlers. Aber keine Angst: Schlampige Arbeit kann es überall geben, auch bei uns.

Eine überdenkenswerte Alternative ist es, die Abwicklung des Herstellungsprozesses komplett an einen darauf spezialisierten Dienstleister zu übergeben: Man gibt ein Master der Produktion ab, die Dateien mit dem Cover-Artwork, nennt den gewünschten Liefertermin und kann sich darauf verlassen, dass der Rest klappt. Da solche Anbieter in der Regel sehr große Stückzahlen bei den Presswerken abnehmen, bekommen sie entsprechende Rabatte, aus denen sie schon einen großen Teil ihres Honorars finanzieren können. Einfach mal ein Angebot einholen.

Wer dennoch bei der Globalisierung mitmachen und Kostenvorteile der Dritten Welt oder anderer Billiglohnländer nutzen mag, sollte das, wenn schon, richtig tun und sich ein Presswerk in Indien oder so suchen. Die Spannung, wann die Platte denn kommen mag, ist sicherlich ähnlich wie früher das Warten auf das Christkind: Wenn man es irgendwann gar nicht mehr glaubt, ist es plötzlich so weit. Auch die Freude über eine Fehlpressung mit einem obskuren asiatischen Lied auf der Rückseite der eigenen Produktion und der resultierende Kultcharakter des Gesamtwerkes können gewaltig sein!

Drucksachen und Mindestmengen

Eine schlimme Sache bei der Planung sind die Mindestabnahme-Mengen. Viele Druckereien lassen ihre Maschinen erst ab einer 1000er-Auflage anlaufen. Hier bieten einige Presswerke aber den Service an, gegen eine Gebühr einen Teil der Drucksachen aufzubewahren. Läuft es gut, werden bei der Nachauflage nur noch die Tonträger selbst hergestellt und die Verpackungen aus dem Lager geholt. Es ist eine Schande, dass ein im Laden so teures Produkt wie eine Audio-CD in aller Regel in ein extrem hässliches und lieblos gestaltetes Stück Plastik verpackt wird, das zu allem Hohn auch noch den Namen Jewel Case trägt.

Gema

Einen nicht geringen Teil der Produktionskosten nehmen die Gema-Abgaben ein. Diese werden zwar nicht mit der Presswerkrechnung erhoben, aber das Presswerk verlangt eine Bestätigung, dass der Tonträger bei der Gema gemeldet wurde. Dazu in aller Kürze: Die Gema vertritt die Rechte ihrer Mitglieder. Wer kein Mitglied bei der Gema ist und auch nicht die Rechte eines anderen Gema-Mitglieds verletzt, der kann sich von Zahlungen befreien lassen. Das bedeutet: Eine Band, die ihre Stücke komplett selbst komponiert, textet und einspielt und in der keiner der Musiker Mitglied der Gema ist, kann problemlos eine Freistellung erhalten. Bei anderen Konstellationen wird es komplizierter. Nur eines ist sicher: Hilfestellung von der Gema selbst gibt es so gut wie nicht. Man wende sich am besten an Musikerinitiativen oder ähnliche Institutionen.

Verkauf

Alles richtig gemacht? Den Wohnungsflur voll gestellt mit 1000 CDs? Dann gilt es nur noch, die Dinger zu verkaufen. Es erscheinen jede Woche ein paar Tausend neue Tonträger. Da wird sich schon eine Nische finden.

Redbook
Der Redbook-Standard soll gewährleisten, dass Audio-CDs in jeglichem CD-Player und CD-Rom-Laufwerk abgespielt werden können. Durch Kopierschutzvorrichtungen wird dies bewusst umgangen, sodass CDs nicht mehr von CD-Rom-Laufwerken gelesen werden können. Siehe z. B. www.lrz-muenchen.de/services/peripherie/cd-formate/.

Gema
Es gibt gegenüber der Gema ein Spektrum an Meinungen, das alles zwischen abgrundtiefem Hass und voller Zufriedenheit abdeckt. Fatalerweise wird man auch überall in diesem Spektrum Argumente finden, denen man zustimmen könnte. Den wohlgesonnenen allerdings umso stärker, je besser man durch die Gema verdient und desto stärker man deswegen in der nächsten Ausschüttungsrunde wieder begünstigt wird. Auch wenn man klassischer Komponist ist oder Dieter Bohlen, wird man sich mit den Gema-Strukturen ganz gut arrangieren können. Eine geballte Sammlung der Kritikpunkte findet sich etwa unter www.heise.de/tp/r4/artikel/7/7586/1.html.



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aus Intro #130 (August 2005)
 
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