
Digiscratch
Digitales DJ-Mix-System
28.06.2005, 11:57, Text:
Bodo Scheup,
Bodo Scheup
Alcatech / ca. EUR 1000
Eigentlich sind Timecode-Vinyl-Systeme ja eine absurde Zwischenlösung auf dem Weg in die digitale Zukunft. Anstatt Software wie alle anderen Menschen vor einem Computer auch mit Mouse oder Tastatur zu bedienen, muss für das nostalgische Völkchen der DJs ein kompletter Aufbau wie damals auf der Blockparty herhalten, um ein paar MP3s abzuspielen: zwei Plattenteller und Mischpult als Interface plus eine Soundkarte, ein Rechner, diverse Software, noch mehr Kabelsalat ... Aber DJs sind eben irgendwie verbohrte Dickköpfe, die mit solchen Spielereien zu ihrem Glück gezwungen werden müssen: zu den Möglichkeiten der Echtzeitremixe, Live-Trackzerstückelung und wie sich der Segen digitaler Musikmanipulation sonst noch so konkretisieren mag.
Die Reservate derjenigen, die auch weiterhin ausschließlich auf Plattenschleppen setzen und alles andere als Betrug an der Sache abtun, sind schon in Entstehung begriffen. Doch ebenso sicher steigt die Anzahl der PlattenauflegerInnen, die neue Editing- und Performance-Möglichkeiten genießen, kontinuierlich. Und der durch solche Technologien eingeleitete bzw. beschleunigte Paradigmenwechsel auf dem Dancefloor ist weitaus wichtiger als die Tatsache, über Vinyl digitale Daten ansteuern zu können. Diesen Entwicklungen kann sicher nicht schaden, dass das Quasi-Monopol von Stantons Final Scratch vor einiger Zeit von Serato Scratch Live u. a. gebrochen wurde. Nun tritt Alcatech an, um mit Digiscratch neue Standards zu setzen.
Digiscratch unterscheidet sich, grob betrachtet, nicht besonders von der Konkurrenz. Das Prinzip bleibt ja dasselbe, aber an Details und Perfektion kann immer noch gefeilt werden. Das Set-up ist bekannt: Zwei Schallplatten mit Timecode steuern über die Digiscratch-Box als Zentralstation zwischen Plattenspielern, DJ-Mixer und Computer die entsprechende Software an und erlauben so, Musikdateien mit dem gewohnten Vinylhandling abzuspielen. Das Bemerkenswerte an Alcatechs System ist das Basieren auf einer Hammerfall-Soundkarte, einem FireWire-Audio-Interface der Firma RME, das für hohe Soundqualität (24 Bit / 96 kHz) und extrem niedrige Latenz sorgt - und natürlich auch den preislichen Unterschied zur Konkurrenz erklärt. Von Ausstattung und Features her wurde Digiscratch klar auf den professionellen Gebrauch zugeschnitten.
Die Tatsache, dass der Browser im Programmfenster recht klein ausgefallen ist und gerade intuitives Durchwühlen der virtuellen Plattenkiste nicht zum Vergnügen macht, zeigt, in welche Richtung sich das DJing verändert: Das Set wird schon vor der Performance inklusive Gimmicks und coolen Samples zur Verzierung genau ausgetüftelt, um dann im Club prinzipiell eine gespeicherte Playlist mit Variationen abzufahren. Offensichtlich kommen eine Menge Hausaufgaben auf DJs zu (fleißig Cue-Punkte setzen, Loops für den Samplewerfer schneiden, krasse Breaks ausknobeln), die eventuell aber zu Lasten der Spontaneität auf der Party gehen.
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