Netlabels

Musikmodell der Zukunft

20.05.2005, 23:22, Text: Moritz Sauer, Moritz Sauer
[7 Kommentare]

Musik liegt immer häufiger virtuell auf Festplatten gestapelt, ob auf dem eigenen Laptop oder im MP3-Player. Nichts liegt also näher, als die Sounds als Künstler und Labelbetreiber gleich virtuell zu liefern. Netlabels zeigen, wo der Hase läuft, kehren der Industrie den Rücken und vertreiben ihre Künstler einfach selbst.

Letztens am Stammtisch meinte Arne: “Sind wir doch mal ehrlich! Das Format CD ist tot. Und Vinyl lebt nur noch, weil DJs immer noch auf diesen warmen Sound schwör’n und in jedem Club die Technics-Plattenspieler steh’n. Und weil wir alten Säcke einfach gerne was mit Nostalgie in der Hand halten. Aber im wahren Leben wird Musik immer mehr von MP3-Playern und Mobiltelefonen abgespielt.

Der Mensch ist faul, und Downloads liegen schneller auf der Festplatte, als du in deinen Plattenladen marschiert bist.”

Mit dem Einzug der Möglichkeit, Inhalte eigenständig zu digitalisieren, bekam der normale Bürger Ende der 1990er die Chance an die Hand – die andere als Waffe verstanden –, Musik, Bilder, Filme und Bücher in Form von Bits & Bytes abzuspeichern. Und Material, das einmal in Nullen und Einsen auf der Festplatte liegt, kann ewig und verlustfrei dupliziert werden. Zuerst nur via teurem CD-Brenner und heute über schnelle Datenleitungen oder externe Gigabyte-Festplatten in Form von MP3-Playern oder Mobiltelefonen. Ach, und Webspace plus erstklassige Web-Features kostet heute auch nur noch einen Klacks, und schwups stehen die Sounds der ganzen Welt zur Verfügung.

Genau diesen Umbruch hat Marc “Prymer” Wallowy, Labelhead von Tokyodawn.com, als junger Musiker mitbekommen. Der heute 26-jährige Medienkunst-Student hat 1997 sein Netlabel gegründet und gehört heute mit Tokyo Dawn zum Urgestein der Szene. Angefangen hat alles mit Tracker-Modulen, Musikdateien, die gleichzeitig Samples als auch Sequenzerdaten beinhalteten. Die so genannten Modules waren in der Regel ca. 300 bis 700 Kilobyte klein und wurden schon früh in der Demoszene über Disketten und später BBS-Boards vertrieben. Label-Charakter bekamen diese Module-Sammlungen aber erst mit dem Aufkommen des WWW. Denn die Webseiten boten nicht nur einen Download-Link, sondern brachten mit Infos und Bildern dem Zuhörer auch die Künstler näher. Mit dem Siegeszug des MP3-Formats und der Ära der MP3-Portale stiegen auch die meisten Netlabels auf das damals noch neue Format um – so auch Tokyo Dawn.

Heute gehört es innerhalb der Netlabel-Szene zum guten Ton, seine Netaudio-Klänge als 192kbps-enkodierte MP3- oder Ogg-Vorbis-Datei zu vertreiben. Einer Qualität, die Downloads von Musicload & Co. im Klang weit abschlägt, sofern die Tracks ordentlich gemastert wurden. Auch heute schwimmt das HipHop- und R’n’B-Netlabel Tokyo Dawn ganz oben mit. Über die Jahre hat es sich nicht nur im Web mit satten Releases, sondern auch auf Konzerten und DJ-Gigs seine Lorbeeren verdient. Das Label versteht sich dabei als Kollektiv, denn Marc Wallowy versammelt auf seinem Label Künstler, die über den Globus verstreut wohnen und agieren. Da ist zum Beispiel Resound aus Finnland, der kontinuierlich Russland mit seinen Sets verzückt, wenn er nicht gerade Soundtracks zu japanischen Videogames komponiert. Da droppen die Blaktronics aus Oakland, die früher mit Prince zusammengearbeitet haben, ihre Reime über Beats, die der junge Comfort Fit in Deutschland produziert, und, und, und ...

Der freshe Boris Mezga (Comfort Fit) selbst lässt mit Hilfe seiner Tracks deutsche und internationale HipHop-Produzenten alt aussehen. Dabei kitzelt er aus seiner MPC und seinem Laptop Beats, die ihresgleichen suchen. Gefallen hat das nicht nur zahlreichen Hipster-DJs, sondern auch Mercedes Benz – die versuchen, mit seinen Beats Luxusautos zu verkaufen. Doch trotz der monetären Erfolge veröffentlicht Mezga sein neues Album “Forget And Remember” wieder auf Tokyo Dawn – als freies virtuelles Release, versteht sich. Außerdem steht die neue 2xLP-Compilation “Renovations” ins Haus mit edlen Rap-, Jazz-, Funk- und Disco-Tunes. Unter anderem an Bord sind Altgediente wie 4th Disciple & Sonz Of God (Wu-Tang), Maddslinky, Inverse Cinematics, Dirty Star, Cvees ...

Die Musik selbst lagert das Netlabel auf den Servern von scene.org. Diese FTP-Server, die der internationalen digitalen Kultur-Szene als Archiv dienen, gehören neben dem Musikdatenparkdeck von archive.org zum Rückgrat der Netlabels. Die meisten Netlabels könnten oftmals die Server-Last, die durch die Downloads entsteht, selbst nicht tragen bzw. bezahlen. Kein Wunder also, dass diese virtuellen Plattformen zum Dreh- und Angelpunkt der Netlabel-Szene geworden sind. Großartig sind diese Datenumschlagplätze aber auch für Musikliebhaber. Während ein Techno-Label z. B. für den Plattenladen evtl. nur 1000 Vinyle pressen lässt, die irgendwann vergriffen sind, kann sich der Surfer bei fast allen Netlabels rückwärts durch den Backkatalog wühlen.

Dass Netlabels ein Weg des Musikvertriebes der Zukunft sind, zeigt auch das konstante Wachstum des Netlabel-Catalogues unter www.netlabels.org. Das Verzeichnis beherbergt mittlerweile mehr als 200 Netlabels. Dabei ordnen sich die Labels selbständig ein und bieten neugierigen Besuchern einen guten Einstieg in die Szene.



Artikel kommentieren
aus Intro #128 (Juni 2005)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Moritz Sauer, Moritz Sauer
 
 
  • User: Vagrant5000
  • Vagrant5000 24.05.2008 | 00:30:02
    my pleasure!
    kann man so einen artikel nicht nochmal in aktualisierter form bringen? ich find das gebiet ziemlich spannend, bekomme darüber aber leider relativ wenig mit. so eine art überblick und entwicklung über die labels und ihre genres fänd ich nicht grundverkehrt. nur so als anregung.

  • User: Trondheim
  • Trondheim 26.05.2008 | 10:35:31

    Hier gibt es eine kleine Einführung in die Geschichte der Netlabels. Unten auf der Seite sind noch drei weiterführende Links.

  • User: Trondheim
  • Trondheim 26.05.2008 | 10:44:09

    Auch nicht mehr so aktuell. Wer ganz nah am Zahn der Zeit sein will, sollte öfter die Reviews auf phlow-magazine.com lesen. Mit äußerst praktischer Reinhörfunktion. Da habe ich schon so einige Perlen entdeckt und mitgenommen.

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • VERWANDTE ARTIKEL

  •  
 
Anzeige
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]