
Urs Heckmann
Neues von der Standortdebatte
24.02.2005, 18:03, Text:
Jörg Koch,
Jörg Koch
Schwer in Mode ist es ja zurzeit, den Standort Deutschland in den Medien zur Abwechslung mal wieder in seinen Stärken zu zeigen. Man pickt sich etwa eine kleine innovative Firma heraus und illustriert an ihr, dass alles gar nicht sooo schlecht ist, wie alle anderen immer rumheulen. Das machen wir jetzt auch: Urs Heckmann ist eine ganz arg kleine und in vielerlei Hinsicht extrem innovative Ein-Personen-Firma mit Sitz in Berlin. Heckmanns letzter Streich ist das Audio Unit Filterscape (www.filterscape.com, $ 129). Davor waren Zebra ($ 199), ein mittlerweile zu einem komplexen modularen System angewachsener Synthie, die More Feedback Machine, ein lustiges Multidelay für lau, und der ebenfalls als Freeware erhältliche Zoyd (beide erhältlich auf www.u-he.com).
Noch schöner wird es, wenn man sich die Geschichte von Heckmann anschaut: Um 1983 herum hat er einen C-64 bekommen und auf dem so rumgedaddelt und angefangen, einen Sequencer für den eingebauten Soundchip zu schreiben. Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Internet während des Designstudiums entdeckte er das Programmieren wieder. Bei der Arbeit stellte sich dann irgendwann die Notwendigkeit ein, c/c++ zu lernen. Da man Programmieren am besten lernt, wenn man sich ein paar recht komplexe Aufgaben stellt, Heckmann zudem gerne ein paar VST-Instrumente haben wollte, die er sich aber nicht leisten konnte, machte er sich daran, einfach selbst welche zu entwickeln. Nach zwei Jahren intensiver Programmiererei neben dem Job hatte er sich mit seiner Freeware einen ersten Namen gemacht und zudem mit Zebra ein vielversprechendes Produkt am Start. Zebra hat er dann über das Web vertrieben, und das lief so gut, dass er kurz darauf seinen bisherigen Beruf an den Nagel hängen konnte.
Zebra existiert mittlerweile in der Version 1.5 und zeichnet sich durch eine extreme Vielseitigkeit, ein sehr schönes Nutzerinterface, eine beeindruckende Ressourcennutzung und einen tollen Klang aus. Das neue Produkt heißt Filterscape und ist eine Sammlung von drei Plug-ins. Im Zentrum steht ein Filter-Equalizer-Delay-Modul, das es erlaubt, verschiedene Filter- und Equalizer-Einstellungen ineinander zu morphen. Klassische Filtersweeps lassen sich damit erzeugen oder rhythmische Modulationen des Ausgangsmaterials. Dazu gibt es noch einen Synth und eine reduziertere Variante des Equalizers, die beide die Morphing-Möglichkeiten des Haupt-Plug-ins verwenden.Bei seinen Instrumenten kommt es Heckmann besonders auf deren einzigartigen Charakter an. Den Versuchen, reale Instrumente per Software nachzumodellieren, kann er nichts abgewinnen. Die digitale Welt bietet schließlich deutlich spannendere Möglichkeiten als den x-ten Nachbau eines Moogs. Abgesehen natürlich von allgemeinen Grundlagen, die immer verwendet werden, lässt er sich entsprechend wenig durch bestehende Soft- oder Hardware inspirieren. Inspiration sei das, was er an vielen Instrumenten vermisse, und um die geht es ihm bei seinen Instrumenten. Höchstens bei der Erstellung der Presets greift er aktuelle Moden auf: \"Manche Synthies verkaufen sich ja dadurch, dass sie Sounds erzeugen, die total umwerfend klingen, die aber musikalisch völlig unbrauchbar sind. Die programmiere ich manchmal zum Spaß nach, und wenn ich sie hinkriege, ist das ein ziemlich beruhigendes Gefühl ...\"
Die Planung der Spezifikationen wird gerne mal beim Bier mit befreundeten Soundtüftlern in der Kneipe vorangetrieben. Während der Entwicklungsphase eines neuen Plug-ins treffen sich ca. 50 Musiker aus den unterschiedlichsten Stilrichtungen in einem privat gehaltenen Forum und diskutieren über Sound, Bedienung und Konzept der neuen Software. Der Planungsprozess wird Heckmanns Naturell entsprechend sehr offen gehalten, fest steht nur, dass \"ein Plug-in, das zu Beginn mit zehn Parametern geplant ist, am Ende wahrscheinlich 80 Knöpfe hat.\"
Als wäre das nicht genug, hat er schließlich noch die Gabe, recht verständlich auch komplexe Dinge zu erklären. In Internetforen, in denen seine Software diskutiert und bewertet wird, schafft er es, relativ allgemeinverständlich und übersichtlich technische und konzeptionelle Überlegungen zu erklären und darzustellen. Um das Bedienkonzept eines Elementes von Zebra zu erläutern, wird, um ein Beispiel zu nennen, schon mal das interne Konstruktionsprinzip eines modularen Systems beschrieben und mit dem Programmprinzip der Software verglichen. Wohltuend im Vergleich zu launigen Informationen wie \"Die Funktionsweise dieses Reglers ist schwer zu erklären. Probieren Sie ihn einfach aus\", über die man an anderer Stelle auch mal stolpern kann. Gegenwärtig arbeitet Heckmann daran, sein Software, die bislang nur auf Macs läuft, auch für die Windows-Welt zu portieren. Ist das nicht eine schöne Geschichte?
Virtuelle Modularsysteme sind schwer in Mode. Sie gibt es auch als Hardware. Man braucht so ein bis zwei Zimmer, um sie aufzustellen, und wenn man einen weiteren Oszillator für einen bestimmten Sound benötigt, kann man in den Laden fahren und einen kaufen. Außerdem kann man sich vor so einem System super fotografieren lassen. Kostet leider ein Vermögen.
Das öffentliche Zebra-Forum wird auf www.kvraudio.com gehostet. Relevant ist auch das Forum auf www.osxaudio.com. Das Blöde an der Forumguckerei ist nur, dass man zu viel Zeit verliert, die nachher wieder beim Musikmachen fehlt.
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