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Schon seit Ewigkeiten in Mode

Der Lippenstift

29.04.2010, 15:31, Text: Wolfgang Frömberg
[1 Kommentar]


Seit Urzeiten hinterlässt Lippenstift Spuren – nicht nur in der Popkultur. Wolfgang Frömberg fasst die Geschichte ungeschminkt zusammen. Illustration: Nora Halpern

Mit Lippenstift lässt sich „I Love You“ oder „Kiss My Ass“ auf einen Spiegel schreiben.Nicht nur insofern lässt sich mit demgeschmacksintensiven modischen Accessoire auch Geschmacklosigkeit beweisen. Kaum zufällig ist dabei deswegen die meist gewählte Stiftfarbe Rot. Sie garantiert nicht nur Aufmerksamkeit, gerade wenn man von den eigenen Augen, die nicht lügen können, ablenken möchte. Sie signalisiert auch Gefahr: Worte können töten, wenn sie durch diesen brennenden Reifen springen. Und wo die Gefahr aufscheint, erscheint sie bekanntlich auch besonders verlockend: Komm doch her, wenn du dich traust, der geschminkten Wahrheit nicht nur die Stirn zu bieten! Dass die in mehreren Rollenvariationen von der Dame bis zur Dirne, von der Drag Queen bis zum Drag King genutzte Maskerade diejenigen, die sich nur allzu eilfertig die Lippen lecken, das Fürchten zu lehren vermag, ist dabei ein geiler Effekt.

Der Lippenstift hat eine verdammt lange Tradition, erste Spuren führen bis 3500 vor Christus zurück. Seitdem hat sich, was die Zusammensetzung angeht, einiges getan: Früher eine Salbe aus Hirschtalg, Rizinusöl und Honig, bestehen sie heute aus Ölen, Wachsen, Pigmenten und Chemikalien auf der Basis von Lanolin. Die uns heute so bekannte praktische Metallhülse kam in den 40er-Jahren auf den Markt, zur Massenware und damit zur potenziellen Waffe wurde der Lippenstift wie so vieles andere trotzdem aber erst in den 60ern – dann aber schnell mit einschneidenden gesellschaftlichen Folgen.


Sehr bildhaft ist das in der Fernsehserie „Mad Men“ zu sehen, die in einer Werbeagentur im New York der 60er-Jahre spielt. Bei einer Lippenstift-Probe, bei der die Agentur-Sekretärinnen um ihre Einschätzung des zu bewerbenden Produkts aus Konsumentinnensicht gebeten werden, betont die von der Tippse zur Copywriterin aufgestiegene Peggy Olsen den Wunsch jeder Frau nach einer Farbe, die ihrer jeweiligen Einzigartigkeit entspricht, um auf individuelle Weise ihren zugehörigen Mann markieren zu können. (Olsens Karriere kann man durchaus als Fortschreibung der französischen Schauspielerin Sarah Bernhardt sehen, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit kirschroten Lippen resolut ihren Weg ging, allerdings über den Umweg des Sekretärinnenjobs, der für junge Frauen in den 1920er-Jahren einen großen Fortschritt bedeutet hatte.) Olsens doch sehr heftige Zeichnung des Menschen als Ware – oder anders gesehen: diese Verteidigung der menschlichen Individualität – ist keine Geschmacklosigkeit wie auf den Schneidezähnen leuchtender Lippenstift oder Erdbeer-Lipgloss. Sie ist aufreizendes Zeichen der Zeit, das ebenso von Klasse zeugen kann wie der Verzicht auf den gezückten Stift.

Aber auch abseits der Masse hatte der Lippenstift seine Auswirkungen, gab er doch trotzig mit dem Erwachsenwerden und/oder Genderzuweisungen hadernden Jugendlichen ein neues Tool vorm Spiegel hinter verschlossenen Türen. Warum eigentlich werden im Schulunterricht nicht die ersten anderthalb Minuten von „Andy Warhols Dracula“ gezeigt, mit Udo Kier als sich vor dem Spiegel herrichtenden Vampir? Vielen dieser mit den biologischen Zumutungen hadernden Pubertierenden wäre der erste eigene geschminkte Auftritt wesentlich einfacher gefallen.

Wer immer noch nicht mit dem Lippenstift versöhnt ist, der schau doch bitte mal die lasziv-lakonisch verschmierte Schnute von The-Cure-Sänger Robert Smith an: Welches andere Medium vereint schon gesellschaftliche Umbruchsszenarien, individuelle Selbstbemächtigung und radikale künstlerische Inszenierung?



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aus Intro #182 (Mai 2010)
 
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  • siki 11.05.2010 | 16:12:23

    Die farben Symboliesieren auch Menschen Gruppen und Kulturen.
    Man kann die Stimmung und persönlichkeit des Trägers erkennen.
    Ich meine Lippenstift erhebt die Stimmung und gibt Selbstsicherheit.
    Das Lügen fällt einen auch leichter,oder?

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