Schon seit Ewigkeiten in Mode
Der Hut
30.07.2009, 15:41, Text:
Mario Lasar, Foto: Elisabeth Moch
Die Krone des kleinen Mannes, der hohe Absatz am anderen Körperende (vielleicht sollte Nicolas Sarkozy Hut tragen) - Mario Lasar über Leute who'd rather be seen dead than without their Trilby or Pork Pie Hat.
Als Sean Connery noch James Bond war, trug er seinen Hut selten auf dem Kopf. Eher kam dem Hut die Funktion eines Gimmicks zu, das beim Eintreten ins Vorzimmer, dem Reich der ehrenwerten Miss Moneypenny, einer Frisbeescheibe gleich schwungvoll auf den Hutständer befördert wurde. Natürlich gehörte der Hut dazu, er vervollständigte erst das elegante Auftreten, das im Anzug angelegt war. Bonds unorthodoxe Handhabe des Huts lässt sich aber als Indikator dafür lesen, dass der Hut im Laufe der 60er-Jahre mehr und mehr von dem Streben nach legerer Lebensart verdrängt wurde. Signifikanterweise kamen alle nachfolgenden Bond-Darsteller gänzlich ohne Hut aus.
Es versteht sich von selbst, dass es sich bei Connerys Hut um einen Trilby handelte, einen der englischsten Hüte, den man sich vorstellen kann. Seine schmale Krempe weist ihn eher als Zierde denn als funktional aus. Womöglich ist es der Englishness geschuldet, dass auch der notorische Skandalrocker Peter Doherty in letzter Zeit eine Vorliebe für den Trilby entwickelt hat. Die Tatsache, dass einer der exponiertesten Repräsentanten des wilden Lebens dazu beiträgt, einen konservativ-traditionsbewusst konnotierten Kleiderkodex fortzuschreiben, scheint nur bei oberflächlicher Betrachtung wie ein Widerspruch. Tatsächlich lässt sich vor dem Hintergrund globalisierter, homogenisierter Stil- und Modeerscheinungen der Hinwendung zu mit bestimmten Traditionen aufgeladenen Kleidungsstücken wie dem Trilby ein Differenz stiftendes Potenzial zuschreiben. Hierzulande wird der Trilby bevorzugt von fadenscheinigen Charakteren wie Roger Cicero und Mark Medlock getragen, die den Hut profanerweise dazu missbrauchen, ihren Haarwuchsschwund zu kaschieren, was natürlich Punktabzug gibt.
In unmittelbarer Verwandtschaft des Trilbys lässt sich der Pork Pie verorten, der seinen Namen der angeblichen Ähnlichkeit mit einer Schweinepastete verdankt. Im Unterschied zum Trilby weist der Pork Pie Hat einen flachen, glatten Kopf auf, der ihn in dieser Hinsicht in die Nähe der Kreissäge rückt. Ursprünglich in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Frauenhut entworfen, wurde der Pork Pie in den 60er-Jahren des 20. Jahrunderts von der jamaikanischen Rude-Boy-Bewegung kooptiert, die sich in musikalischer Hinsicht über Ska und Bluebeat definierte. Sowohl Musik als auch Kleidungsstil wurden von englischen Mods übernommen (auch wenn die mit dieser Subkultur assoziierte Hutart eher einem Trilby mit sehr schmaler Krempe gleicht). In dem Film "Quadrophenia", Pete Townshends (The Who) großer Hommage an die Mod-Kultur, wird der Pork-Pie-Hut von Frauen wie Männern gleichermaßen getragen. Der Kopfschmuck avancierte damit zu einem geschlechterübergreifenden Accessoire, das die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppierung symbolisierte. In der heutigen Zeit besitzt der Hut an sich nur noch dann eine über sich selbst hinausweisende Bedeutung, wenn er als Bestandteil einer Uniform getragen wird. Dennoch steht seine Nützlichkeit gerade zur Zeit der Festivalsaison außer Frage, neben Sonnen- oder Regenschutz macht dieses Accessoire einen Menschen auch größer und damit sichtbarer, so haben im Gewühl verloren gegangene Freunde mit Hut größere Chancen, gefunden zu werden, als jene ohne Hut.
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