
Markenplagiate
Zwischen Image und Wahrheit
27.02.2007, 16:51, Text:
Klaas Tigchelaar
Die Diskrepanz zwischen den Preisschildchen teurer Designerware und der Präsenz der begehrten Stücke in den heimischen Fußgängerzonen ist offensichtlich. Doch wer denkt schon lange darüber nach, ob sich die Studentin tatsächlich eine Kelly Bag vom Munde abgespart hat oder ob der Mann hinter der Bar sich eine Uhr aus Glashütte leisten kann?
Die Marke spricht für sich, die Herkunft ist zweitrangig. Fälschungen aus Asien und Osteuropa tauchen in unseren Breiten vor allem bei Online-Auktionen und auf Flohmärkten auf, doch wer einmal zur Quelle der Plagiate reist, muss sich mit dem Thema Markenfakes ganz neu auseinandersetzen. Beispiel Vietnam: Den prominenten Markenlogos der großen Labels ist dort kaum zu entkommen, ganze Straßenzüge von Ho-Chi-Minh-City und Hanoi sind vollgestopft mit plagiierten Schuhen, Taschen, Sonnenbrillen, T-Shirts, Hosen und Uhren westlicher Trendmarken von gestern und heute. Was den westlichen Besucher förmlich erschlägt und natürlich dazu verführen soll, für kleines Geld auf das Logo reduzierte Statussymbole zu erwerben, ist für viele Einheimische die einzig erschwingliche Kleiderordnung. Der Obstverkäufer in D&G-Cargopants, Von-Dutch-Cap und etwas angeschmuddeltem Puma-Sweater, ausgehfertig aufgebrezelte Teens mit Gucci-Jeans und Prada-Taschen auf altertümlichen Mopeds, deren kunstlederne Sitzbänke in schwarz-goldenem oder weiß-pinkem Louis-Vuitton-Look erstrahlen.
Die über Jahre zum Premiumetikett herausgearbeitete Marke als zweckdienliche Alltagskleidung für jede und jeden? Längst haben die kleinen Schneidereien aufgehört, für die eigene Bevölkerung zu fertigen, wo sich doch mit maßgeschneiderten Röcken und Hemden aus Seide oder Kashmirwolle für die Touristen viel mehr Geld verdienen lässt. Dabei ist das Sortiment der Händler völlig willkürlich, das Markenlogo nur eine Prägung bar jeder Identität. Neben Standards wie beispielsweise Prada-Taschen, Puma-Sneakers oder Chanel-Sonnenbrillen gibt es auch Skurrilitäten wie Flanellhemden mit Rolex-Etikett.
“Man muss unterscheiden zwischen den hochwertigen Fälschungen, bei denen die Fälschung erst nach genauer Untersuchung erkennbar wird, sowie den minderwertigen Kopien”, erklärt Puma-Unternehmenssprecher Ulf Santjer. “Diese minderwertigen Kopien stellen den Großteil der Fälschungen dar, die sich auf dem Markt befinden. Bei diesen mangelhaften Fälschungen kann man auch als Verbraucher davon ausgehen, dass es sich um eine Kopie handelt.” Puma verwendet inzwischen – wie einige andere Hersteller auch – “sogenannte Sicherheitsetiketten, die besondere Eigenschaften aufweisen, anhand derer beurteilt werden kann, ob es sich dabei um Fälschungen handelt. Diese Merkmale gelten als absolut fälschungssicher.”
Während China inzwischen den Großteil der gefälschten Markenkleidung auf den Markt wirft und damit auch Vietnam beliefert, macht das Land selbst erste Schritte weg vom kopierten Image, hin zu einer eigenständigen Label-Kultur. “Ready to wear”-Kollektionen sollen die Abkehr von der Tradition kleiner Maßschneidereien bringen, wie die Zeitung Thanhnien News berichtet. Große Textilfabriken wie Phuong Duong, Viet Tien und Thanh Cong entwickeln eigene Labels und Kollektionen, die westlichen Schick zu marktkonformen Preisen bieten sollen. So gibt es die “F-Jeans” von Phuong Duong schon für umgerechnet zehn Dollar, limitierte Items von Designern wie Huyen Mi oder Truong Anh Vu können aber auch schon mal 75 Dollar kosten. Viet Tien zielt mit seinem “TT-Up”-Label nebst eigenen Shops in den Großstädten sogar direkt auf die neue Elite des Landes (Preise liegen zwischen 60 und 375 Dollar). Es geht aber auch ganz anders: Dang Thi Minh Hanh, Direktorin des Vietnam Fashion Design Institute (FADIN), die als Designerin schon in Frankreich und Japan Auszeichnungen erhielt, propagiert ziemlich erfolgreich die Symbiose aus vietnamesischer Tradition und westlichen Haute-Couture-Ansprüchen.
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