
Jahresrückblick Steil
BMI<18 Dünne Models machen dick
30.12.2006, 22:00, Text:
Susanne Pospischil
Klar, wer ist schon so mit sich und seinem Körper im Reinen, vom Anblick superschlanker Models nicht doch beeindruckt oder zumindest verunsichert zu werden? Die meisten Schaufensterpuppen der Modelinien Zara und Mango trugen bislang entsprechend Kleidergröße 36, obwohl die durchschnittliche Konfektionsgröße der Spanierinnen zwischen 40 und 42 liegt. Als in Andalusien die Behörden bereits vor einigen Monaten bestimmten, dass Modegeschäfte keine Kleider mehr in den Schaufenstern ausstellen dürfen, die nicht mindestens Größe 38 entsprechen, schien in der Mode- und Modelwelt schon einiges in Bewegung, bis die (übrigens sehr zierliche) spanische Gesundheitsministerin Elena Salgado der schlankheitsfanatischen Modeindustrie endgültig den Kampf ansagte: Über 30 Prozent der Models, die im vergangenen Jahr auf der Pasarela Cibeles noch die neuesten Modekreationen vorgestellt hatten, durften dort dieses Jahr (18.-22.09.) nicht mehr laufen. Ein Model von 170 cm Körpergröße muss ab sofort mindestens 53 Kilogramm wiegen, das entspricht einem BMI von 18,34 Punkten.
Der Body Mass Index ist eine umstrittene Kennzahl zur Bewertung des Körpergewichts in Bezug auf die Körpergröße. (Weder Flüssigkeit noch Fett- oder Muskelgewebe werden dabei voneinander unterschieden.) Entstanden ist diese Kategorisierung durch Nachdruck einiger Lebensversicherungen in den USA, die es ihnen ermöglichte, den körperlichen Zustand mit in ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung einzubeziehen.
Letizia Moratti, Bürgermeisterin von Mailand, brachte in den italienischen Medien ebenfalls ein Laufstegverbot für Dürre ins Gespräch, scheinbar aber noch lange kein Grund, auch in Deutschland darüber nachzudenken. Beim Kampf gegen Magersucht soll eher auf die Mitarbeit von Ärzten, Lehrern, der Kirche und vor allem der Medien gesetzt werden, plädiert Annelies Ilona Klug vom Bundesgesundheitsministerium.
Auf die Selbstheilungskräfte der Branche ist allerdings nicht zu hoffen, solange weiterhin schlanke Titel-Mädchen die Auflagen steigern und Celebritys ein erfolgreiches und schlankes Leben vorgeben. Die resolute Señora Salgado und ihre AnhängerInnen kämpfen also gegen Windmühlen, vor allem, wenn in leitenden Positionen beharrlich gegengesteuert wird. Riccardo Gay, Chef der gleichnamigen Modelagentur (die in Mailand auch Naomi Campbell vertritt), hält das Thema für übersteigert. Ryan Brown, Marketing-Chef von Elite Models, New York, freut sich zwar über die Entwicklung, beruft sich aber auf den extrem angesagten Kate-Moss-Look, und Karl Lagerfeld hält Models für dünn, keineswegs aber magersüchtig und stellt sich jenem aufkeimenden Spross “Realitätsbewusstsein” vehement ins Licht, indem er verkündet: “Es gibt vielmehr das Problem, dass viele Leute zu dick sind.”
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