Dirk Schönberger

Think big

23.10.2006, 11:55, Text: Silke Bücker

Wenn man von der Maxime ausgeht, seine Leidenschaft zum Beruf machen zu wollen, hätte der Designer Dirk Schönberger (40) wohl Musiker werden müssen. Denn die Musik war seine erste große Liebe. Dass er letztlich doch Modemacher wurde, liegt sicher auch daran, dass er sich schon früh mit dem eigenen Look und den damit verbundenen Abgrenzungs- und Bekennungsmechanismen als Teil der musikalischen Sozialisation auseinandergesetzt hat. Schnell empfand er die Styles der damals relevanten Gruppen – ob Mod, Punk oder New Wave – als ermüdend und wollte eigene Maßstäbe ansetzen: “Zunächst waren diese Codes faszinierend, klar. Aber so wirklich wollte ich nie einer Gruppe angehören. In der Schule konnte ich mit meinen schwarz gefärbten, toupierten Haaren und den Creeps vielleicht noch Aufsehen erregen, aber als ich zu einem Konzert ging und merkte, dass alle anderen genauso aussahen wie ich, fand ich das schnell uninteressant. Einzigartigkeit war mir immer enorm wichtig.”


Außerdem empfindet Schönberger das Entwickeln von Mode schlicht als direkter und weniger aufreibend als das Kreieren von Musik: “Du kannst ein Kleidungsstück nehmen, aufschneiden, verändern. Das geht recht schnell. Ich kann sehr ruhig an etwas arbeiten, aber ich brauche auch diese Gewissheit, nicht unbedingt sehr lange daran arbeiten zu müssen. Das kann ich mir bei der Art der Musik, die ich hätte machen wollen, nur sehr schwer vorstellen.” Dafür sind die unzähligen Songs, die der Designer in seinem Kopf gespeichert hat, seit jeher Antriebsfeder, um kreativ sein zu können. “Musik inspiriert mich. Bei der Soundauswahl für meine Schauen beispielsweise bin ich absolut konsequent, da gibt es keine Diskussion. Auch wenn das mitunter sehr dilettantisch rüberkommt, habe ich über Jahre deutschsprachige Musik bei den Shows in Paris gespielt. Das warf auch mal Fragen auf und zog Skepsis nach sich. Die meisten Journalisten sprechen Englisch und Französisch und empfinden meine Musik dadurch als Ausgrenzung. Aber das bin eben ich.”

In den letzten Monaten standen PeterLichts “Lieder vom Ende des Kapitalismus” und Klees “Zwischen Himmel und Erde” ganz oben auf Schönbergers Liste der meistgehörten Platten. In der Musik spiegeln sich seine Stimmungen wider, aktuell auch seine Deutschlandsehnsucht. Nicht ohne Grund tragen all seine Kollektionen den Obertitel “Verstärker” – als Hommage an Blumfeld. In Kürze soll der lang gehegte Wunsch, wieder in die Heimat zurückkehren, endlich in die Tat umgesetzt werden. Im Moment sucht der gebürtige Kölner eine Wohnung in Berlin, am liebsten zentral, in Mitte oder Prenzlauer Berg, denn Schönberger geht – ganz die Kölner Schule – nach dem Besuch der Stammkneipe gerne zu Fuß nach Hause. Es gab durchaus auch die Überlegung, in die rheinische Heimat zurückzukehren, denn die Domstadt wird für ihn immer eine Herzensangelegenheit bleiben, aber letztlich fehlte angesichts dieses Gedankens die Herausforderung: “Wenn ich umziehe, brauche ich auch einen Kick. Den kann Köln mir einfach nicht mehr geben.”

Aufbruch und Neuerung sind wohl die Begriffe mit der derzeit größten Bedeutung im Leben von Dirk Schönberger. Denn der Weggang aus Antwerpen, wo er doch nie wirklich heimisch wurde, ist bereits der zweite Schritt heraus aus alten Strukturen. Nachdem er fast zehn Jahre als unabhängiger Designer gearbeitet hatte und dabei an den Schattenseiten des Independenttums beinahe zugrunde gegangen war, verkaufte er sein Label vor rund anderthalb Jahren an eine Antwerpener Mode-Holding, zu der auch die Designer Ann Demeulemeester und Haider Ackermann gehören. Ein zunächst rein überlebensnotwendiger Schachzug, mit dem er sich paradoxerweise genau zu der Freiheit verhalf, die er lange dachte, nur aus absoluter Unabhängigkeit (inhaltlich und strukturell) beziehen zu können. “Endlich kann ich wieder uneingeschränkt kreativ sein und trotzdem nach wie vor machen, was ich will”, erklärt er erleichtert, “und das ohne permanenten finanziellen Druck im Nacken – sehr befreiend.” Kein Wunder, dass die im vergangenen Juli in Paris präsentierte Sommerkollektion 07 “Partisan Of Love”, die der Beat-Generation im Amerika der 40er- und 50er-Jahre gewidmet ist, überwältigend gut ankam und Schönberger darin bestätigte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

So sehr, dass er momentan zumindest theoretisch mit dem Gedanken spielt, das Rad weiterzudrehen und sich einem noch einflussreicheren Partner im Modebusiness anzuschließen: “Gerade in Sachen Männermode, die ich ja momentan ausschließlich mache, ist der Markt noch komplizierter als bei den Frauen. Du musst einfach ein bisschen lauter schreien, um gehört zu werden. Da reicht im Endeffekt so eine Firma wie die in Antwerpen auf Dauer auch nicht mehr.” Die Gefahr der Gleichmacherei, die in den Augen vieler hinter dem Zusammenschluss von unabhängigen Designern mit großen Firmen lauert, sieht Schönberger inzwischen nicht mehr – ganz im Gegenteil: “Etablierte, starke Marken brauchen genau das: Designer mit einem eigenen Stil, der sich von den hauseigenen Kollektionen abhebt. Vor fünf oder sechs Jahren fand ich diesen Gedanken noch total unsexy, aber jetzt ist er Realität. Irgendwann kommt einfach der Punkt, an dem man nicht mehr der junge hippe Modemacher ist, und dann folgt fast zwangsweise der Absturz. Viele Designer, die sich nicht in die Obhut einer großen Firma begeben haben, sind irgendwann verschwunden.”

Sachlich betrachtet, hat Schönberger zweifelsohne Recht – und seine Aussage gilt nicht nur für die Mode. Auch in der Musik definiert Independent längst schon eher ein Genre als einen Status quo. “Entscheidend ist doch”, bringt er es auf den Punkt, “im Geist unabhängig zu bleiben. Letztlich geht es darum, Nischen zu besetzen und die dort generierten Inhalte der Industrie zu überlassen, die über die entsprechenden Mittel und Wege verfügt, das Ganze auch kommerziell erfolgreich zu machen.” Erwachsenwerden heißt das dann wohl – früher oder später.



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aus Intro #144 (November 2006)
 
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