Diesel U:Music

Grüne Wiesen, blauer Himmel

23.10.2006, 06:00, Text: Susanne Pospischil

“Ich glaube nicht, dass ich ein Genie bin, mich interessiert einfach alles Neue und Frische, deshalb mache ich mich immer wieder auf die Suche danach”, schreit Renzo Rosso gegen den Lärm der Bühnenbauarbeiten an. Wir befinden uns ganz oben. Und das meint ganz konkret im Rang der prachtvollen Londoner Shoreditch Town Hall, in der eben noch der U:Music International Music Contest tobte. Es war nicht einfach, einen geeigneten Ort für das Interview zu finden, denn eigentlich stehen die geladenen Finalisten im Mittelpunkt des Abends, besonders die Sieger der verschiedenen Kategorien, und die genießen jetzt erst mal das Blitzlichtgewitter und geben in sämtlichen Nischen und Winkeln bereitwillig Auskunft. Gewonnen haben die italienische Band Scoop (in der Kategorie Rock), die Amerikaner MOVE.MEANT (HipHop/Urban) und The Epochs (Public-Voting) sowie der Engländer Duke Dumont (Electronic). Außerdem wurden Roxy Music mit dem “Music Icon Award” geehrt für ihren beachtlichen und fortdauernden Einfluss auf die Musikszene (passend zum fortdauernden Charakter die Nachricht, dass sie 2007 ein neues Studioalbum veröffentlichen wollen), der Fotograf Mick Rock erhielt den “Contribution to Music Award”.


Das Haus birst mittlerweile in allen Stockwerken von Musiktalenten aus der ganzen Welt, zwischen ihnen Presse, Personal, Prominenz und natürlich Renzo Rosso, Gründer und Chef von Diesel, der zum Happening geladen hat. Auf dem Weg durchs Treppenhaus stellt ihm Philippe Starck schnell noch seine neuesten Design-Projekte vor, und ein paar Schritte weiter sagen Skin und Amp Fiddler kurz hallo. Auch wenn Talentförderung in diesem Fall statt Plattenvertrag eher ein aufregendes Wochenende samt Champagner satt bedeutet ..., eins ist sicher: Dieses Projekt generiert Aufmerksamkeit (und poliert ganz nebenbei auch noch das Firmenimage).

Das finden auch Stefan Charisius und Sebastian Thümmel, mit ihrer Band Dub In A Nutshell (www.myspace.com/dubinanutshell) sind sie der deutsche Beitrag in der Kategorie Electronic. Klar, gewonnen hätten sie schon sehr gerne, aber neben neuen Kontakten nehmen sie wirklich gute Erfahrungen und immerhin ein paar weitere Google-Hits mit zurück nach Stuttgart.

Renzo Rosso, der mittlerweile fünfzigjährige Begründer des Diesel-Imperiums, beginnt trotz der Hektik ganz vorne in seinem Leben und erzählt, dass es eigentlich niemanden gegeben habe, der ihn damals hätte fördern können bzw. wollen. Seine Familie betrieb in der Nähe von Padua Landwirtschaft, da war der Wunsch des Sohnes, die Modewelt der 70er-Jahre mit Jeans im Used-Look zu erobern, reichlich kühn. Mit Denim und der Nähmaschine seiner Mutter begann, was sich heute über verschiedene Branchen (Lingerie, Parfüm, Schmuck etc.) ausbreitet und unter dem großen schwammigen Begriffe “Lifestyle” zusammengefasst werden kann. Auch wenn sich das Gesicht von Diesel in den letzten vier Jahren immens gewandelt hat und der Fokus verstärkt auf Qualität und Exklusivität liegt, bedeutet Rosso dieser Stoff immer noch Großes: “Ich liebe Denim. Jeans heißt, sich frei bewegen zu können, also beweglich zu sein und einem freien Geist zu folgen. Ebenso aber auch Komfort und darüber hinaus noch unendlich viel mehr: grüne Wiesen und blauer Himmel ... Jeans ist die perfekte Hose für jeden”, versichert er. Und wechselt in die Gegenwart, hin zur neuen Kooperation mit Martin Margiela, der irgendwann an seiner Tür klopfte, um von Rossos Marktpräsenz und Infrastruktur zu profitieren. Ein Anliegen, dem auch Rosso Vorteile abgewinnen kann. Es beflügelt ihn geradezu und bereitet den Weg weiter hin zu High Fashion und Prêt-à-porter-Kollektion. Denn er ist sich sicher: “Es ist an der Zeit, wieder gesteigerten Wert auf Qualität und Substanz zu legen, sei es nun in der Musik oder in der Mode.”

In diesem Moment zieht wie ein bestätigender Tusch der Pegel auf der Bühne wieder an. Nach der von Lauren Laverne souverän moderierten Verleihung der Awards geht’s jetzt weiter mit der Aftershowparty und den Liveperformances (u. a. von Amp Fiddler).

Zum sechsten Mal in Folge, aber zum ersten Mal mit weltweiter Beteiligung hat der Diesel U:Music Independent Music Contest geladen und aus 8000 Eingängen aus 60 Ländern gewählt. Wenn Teilnehmer aus dem Iran, aus Kolumbien, Mexiko oder Rumänien sich bislang auch noch nicht gegen die klassischen Musiknationen durchsetzen konnten, ab morgen heißt es wieder: Nach der Show ist vor der Show.

www.diesel-u-music.com
 



Artikel kommentieren
aus Intro #144 (November 2006)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • VERWANDTE ARTIKEL

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]