Südtirol?

Steil Spezial

18.09.2006, 10:00, Text: Sonja Eismann, Foto: Rafael Krötz

»Ist Südtirol ein Paradies? Jedenfalls ist es eins für die Südtiroler«, schreibt Herbert Rosendorfer, Südtiroler Autor, in der Literatur-Anthologie »Grenzräume« aus dem Bozner Raetia Verlag. Und für die gefühlten bis echt gezählten 23 Millionen deutschen SeniorInnen, die dort Jahr für Jahr Urlaub machen, sicherlich ebenso, mag manch ein Ferien-geschädigtes Ex-Kind seufzend hinzufügen. Kniebund-behost und Gamsbart-behutet rollen die bergbegeisterten Flachländer über die Wanderwege, schlagen ihre Zähne in Speck und Schüttelbrot und tätscheln die schicken blonden Frisuren draller Haflinger-Pferdchen. Da denkt man als Kind gerne mal, dass das alles sei, was es in dieser seit 1919 zu Italien gehörenden Alpenregion zwischen Brenner und Salurner Klause zu sehen gäbe.

Und wir wollen es, angesichts unseres Specials zu diesem spannend hybriden Sprach- und Kulturraum zwischen Deutsch (69 %), Italienisch (27 %) und Ladinisch (4 %) auch gar nicht verheimlichen: Landschaft, Essen und Wetter in dieser autonomen und nördlichsten Provinz Italiens sind einfach wow.

Aber neben und sogar auf den umwerfend pittoresken Wanderwegen gibt es noch ein Südtirol abseits von gesetzten Touri-Vorstellungen und -Wünschen: Innerhalb der letzten 15 Jahre hat sich eine innovative Architekturszene entwickelt, die futuristische Bauwerke in die Alpenlandschaft einpasst; die Südtiroler Literatur hat nicht nur – vielen Deutschen nicht als SüdtirolerInnen bekannte – Klassiker wie Norbert C. Kaser, Anita Pichler, Sabine Gruber und Joseph Zoderer zu bieten, sondern aufgrund einer aktiven Verlagsszene auch spannende neue AutorInnen wie Martin Pichler, Selma Mahlknecht und Maria E. Brunner; dank der Designabteilung der neuen Uni in Bozen gibt es eine wachsende Kunstszene; JungdesignerInnen entwerfen Hüte und Taschen aus traditionellen Materialien in modernistischen Formen; und für die Eingeweihten öffnen sich auch Türchen zu Elektronik-Veranstaltungen und -Partys, die in all dem oberflächlich zur Schau gestellten Ötzi- und Knödelgewimmel zuerst gar nicht so leicht zu erkennen sind.

Und das ist noch nicht alles, denn da das Land Südtirol ein kleines ist, tummeln sich viele SüdtirolerInnen außerhalb seiner Grenzen und machen dort funky Kunst zwischen Gastro-Akustik und Fotoroman. Ich persönlich hatte damit besonders Glück, denn die während meines Studiums in Wien kennen gelernten SüdtirolerInnen trieben nicht nur jedes dämliche Ferienklischee aus meinem Kopf, sondern hatten die beste Musik, Kunst und Partykultur – und sind zudem die nettesten Menschen, die es gibt.
Ziemlich paradiesisch.



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aus Intro #143 (Oktober 2006)
 
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