
Kilian Kerner
Sentimentaler Liebeshunger
17.07.2006, 08:00, Text:
Susanne Pospischil,
Susanne Pospischil
Kilian Kerner entzog sich erfrischend lange seiner Berufung – solange, bis sie schlicht von ihm abverlangt wurde. Eigentlich wollte er Schauspieler werden, seine Vorliebe für Nena machte ihm dabei aber einen Strich durch die Rechnung. Und das kam so: Als echter Fan druckte er sich die „Stones-Nena-Zunge“ auf ein weißes T-Shirt und stand damit regelmäßig in der ersten Reihe bei ihren Konzerten. Irgendwann holte sie ihn erst auf und dann hinter die Bühne, um zu fragen, woher sie genau so ein Shirt bekommen könnte. Kerner hatte seine erste prominente Kundin nicht gesucht, aber gefunden. Mehr als einen Entwurf von ihm trug sie im Folgenden werbewirksam auf der Bühne – um die berichtende lokale Presse brauchte er sich ab sofort auch nicht extra bemühen.
Für Kilian war das damals aber noch lange kein Grund, sein Faible für Mode ernst zu nehmen.
Was fast unabsichtlich startete, ist heute ein Modelabel, das auf der letzten Messe 16 Neukunden (davon allein fünf im Ausland) verbuchen konnte, gerade wieder auf der Bread & Butter in Barcelona und Berlin ausstellt und spätestens nächstes Jahr den Sprung zur Fashion Week London nehmen will. Kerner beschreibt die Entwicklung wie folgt: „Genau vor zwei Jahren habe ich mich entschieden, die Sache ernsthaft anzugehen. Irgendwann musste ich natürlich auch richtig Geld investieren und ich dachte, es reicht nicht mehr, wenn ich Hosen zerreiße und T-Shirts umschneidere. Ich habe mir also Zeichensachen gekauft und einfach mal versucht zu skizzieren. Das hat komischerweise funktioniert. Dann habe ich gesagt, okay, jetzt muss ich alle Ideen auch irgendwie umsetzen. Nachdem ich eine Schneiderin ausfindig gemacht hatte, habe ich mich wochenlang mit Büchern eingesperrt und gelesen und ausprobiert, bis ich verstanden hatte, was man machen muss, um einen Entwurf in einen Schnitt zu verwandeln. So ging das weiter, bis ich meine erste Kollektion herausbringen konnte.“
Diese unwiderstehliche Mischung aus Talent und Glück lockte bis dato neben glühenden Anhängern nicht gerade wenig Neider an, die Kerner immer im Auge behielten und auf sein Scheitern spekulierten. Und auch er hatte plötzlich große Erwartungen an sich selbst und eine lange Orderliste der ersten Messe im Gepäck. Es verlangte ihm viel Selbstbewusstsein ab, nun das umzusetzen, was er sich in den letzten acht, neun Monaten angeeignet hatte. Um es kurz zu machen: Es hat bestens funktioniert, kaum jemand spricht ihn heute noch auf Nena an, und die neue Kollektion, die „tausend Mal ausgreifender und besser ist im Vergleich zur letzten“ konnte er befreit und ohne Druck auf den Weg bringen. Wahrscheinlich ist sie deshalb viel weniger graphisch, dafür umso verspielter und zurückhaltend sexy ausgefallen. Beim Kollektionstitel „Sentimentaler Liebeshunger“ hat er emotional ebenso in die Vollen gegriffen wie bei den Entwürfen selbst. Fließende Stoffe stehen für Leichtigkeit, Sentimentalität, Liebe und Verwundbarkeit, feste Materialien dagegen für Zwiespalt, Trauer und Härte in der Gefühlswelt beider Akteure. „Klar steckt da viel Autobiographisches mit drin. Musiker singen schließlich auch aus ihrem Leben.“
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