
Kristina Schmygarjew
Ein Schnitt und basta
27.03.2006, 12:27, Text:
Silke Bücker,
Silke Bücker
Mode als Ausdrucksform ist heute im kulturellen Bewusstsein fast aller angelangt. Dementsprechend größer als noch vor einem Jahrzehnt ist auch das Interesse an den zahlreichen hoffnungsvollen jungen Designern, die in den letzten Jahren aufgekommen sind. Weiterer Gradmesser hierfür: das Interesse der Wirtschaft an werbewirksamen Einbindungen und Kooperationen - was wiederum mehr Öffentlichkeit und Förderung bedeutet. Ein Forum für ambitionierte Modemacher der neuen Generation bietet bekanntlich die Beck's Fashion Experience, die zwei Mal im Jahr zeitgleich zur Berliner Modewoche stattfindet und sich zur etablierten Instanz gemausert hat. Eine der sieben Glücklichen, die von einer Fach-Jury dazu auserkoren wurden, ihre Kollektion in ebendiesem schmucken Rahmen auf dem Catwalk Ende Januar vorzustellen, heißt Kristina Schmygarjew.
Kristina ist 28 Jahre alt, wurde in Kirgistan geboren und kam mit zwölf Jahren nach Deutschland. Nach einer Schneiderausbildung in London studierte sie in Hamburg Modedesign und bewarb sich mit ihrer Abschlussarbeit Scherenschnitt bei der Talentshow. \"Der Reiz dieser Show liegt darin, dass sie jungen Designern die Möglichkeit bietet, vor so vielen Menschen auf hohem Niveau zu präsentieren. Für mich war es auch wichtig, einmal den kompletten Ablauf einer professionellen Modenschau mitzuerleben\", erzählt Kristina. Zu Recht erntete ihr Scherenschnitt großen Applaus, denn die Entwürfe, meist in Schwarz, Grau oder Weiß, überzeugten durch gekonnte Umsetzung, erstaunliche Präzision und eine interessante neuartige Optik. \"Ich habe ursprünglich nach einer vereinfachten Schnitttechnik gesucht. Mir hat es immer widerstrebt, aufwändige Kleidung zu konstruieren, Kragen, Taschen oder Ähnliches aufzunähen. So kam mir die Idee, das traditionelle Prinzip des Scherenschnitts zu adaptieren, denn dabei geht es ja um Reduktion. Ich habe mich an den Schattenrissen der einzelnen Elemente eines Kleidungsstücks orientiert, also ihre äußere Form imitiert. Details wie Manschetten oder Knopfleisten werden dem Stoff nicht zusätzlich zugefügt, sondern durch Einschnitte konzipiert, so bleiben sie trotzdem funktional.\"
Die Silhouetten, die sich aus Kristinas Herangehensweise ergeben, sind in der Tat verblüffend, und das nicht nur, wenn man das zugrunde liegende Konzept erkennt. Toll daran ist vor allem, dass die Kollektion größtenteils auf bewährten Klassikern basiert, diese aber völlig neu und gleich bleibend elegant interpretiert werden. So nahm Kristina beispielsweise einen Trenchcoat und schnitt ihn in der Mitte durch. Daraus entwickelte sie eine Kombination aus Rock und Oberteil, der Gürtel bleibt, wo er immer war, betont nun aber die nackte Taille. Einer ihrer Hosenrock-Entwürfe ist genau das, was das Wort impliziert: eine Mischung aus Rock und Hose, nicht zu vergleichen mit der Form, die uns seit Jahrzehnten vertraut ist. Die Schmygarjew'sche Interpretation erinnert von vorne an eine Hose, von hinten sieht man einen Faltenrock. Ein anderes Mal dient ein plakativ integrierter Schal im Shirt als dekorativer Bruch (und kann trotzdem um den Hals geschlungen werden).
Dass Kristina Konstruktion und die daraus resultierenden Möglichkeiten von Tragbarkeit sehr am Herzen liegen, kommt nicht von ungefähr. Die Basis ihres Werdegangs und ihrer Philosophie bildet das Handwerk: die Tugenden von klassischer Schneiderkunst und Haute Couture. Doch sie weiß auch, wie kompliziert es ist, einen Anzug zu schneidern. Von dieser Umständlichkeit wollte sie weg, einen verkürzten Weg einschlagen, um am Ende doch dasselbe Ziel - die Zeitlosigkeit - zu erreichen. Kleidung fertigen, die nicht alle halbe Jahre ihren Austausch verlangt, die nicht langweilig ist, in der man sich gut angezogen fühlt, ohne jeden Tag überlegen zu müssen, wie sich was kombinieren ließe. \"Klarheit ist mir sehr wichtig, denn es gibt schon genug, das kompliziert ist und überfordert. Ich finde es spannend, prinzipiell simpel zu gestalten, sodass es die Leute lesen und verstehen können. Ein Schnitt und basta.\"
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