
Bitten Stetter
Mode zum Abspielen
27.03.2006, 12:21, Text:
Susanne Pospischil,
Susanne Pospischil
Hinten nähen, vorne verkaufen. Ein kleiner charmanter Laden in einem von Hamburgs angesagten Stadtvierteln mit einladender Auslage und geschmackvollem Kundenkreis - das kam für die Modedesignerin Bitten Stetter nie in Frage. Im Gegenteil, nach Abschluss der Modeschule war für sie schnell klar, dass sie, um ihren Entwürfen und Ansprüchen gerecht zu werden, schnellstmöglich in den internationalen Handel hinaus musste: \"Nur nicht zu nahe am Kunden, dann bist du damit beschäftigt, auf Extrawünsche einzugehen, und irgendwann verlierst du dich in Maßanfertigungen. Außerdem verlangt meine Kleidung nach Basics zum Kombinieren. Um einen Laden professionell führen zu können, müsste ich Fremdkollektionen hinzukaufen und wäre dann ganz schnell beim Multi-Label-Store angelangt.\" Ihr Credo stattdessen: statt purer Anspruchs- oder Marktbefriedigung Liebhaber für die eigenen Entwürfe finden.
Für Bitten kam erst der internationale Durchbruch und dann die Etablierung innerhalb Deutschlands. Nachdem sie sechs Kollektionen zusammen mit ihrer damaligen Partnerin unter dem Label Stetten_Kötter entwickelt hatte, trennten sich die beiden friedlich. Bitten macht seitdem unter eigenem Namen weiter und setzt zusätzlich an ihren Wurzeln an. Mit 33 Jahren unterrichtet sie nun selbst an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaft sowie an der HGK Zürich und vermittelt dort ihrer eigenen Klasse, was ihr wesentlich erscheint. Zum Beispiel interdisziplinäres Arbeiten, so stellt sie sich kreatives Schaffen im Idealfall nämlich vor. Wie erklärt sich Mode, beispielsweise der Illustration gegenübergestellt, und wie wirkt sie innerhalb von Fotografie? Das kann sie mit zwei Gestaltern, einem Fotografen, einem Illustrator und einem Konzeptor in ihrer gemeinsamen Galerie (September 2005 in Hamburg eröffnet: Lange Straße 48) tagtäglich herausfinden. Dort arbeiten sie zusammen, stellen aus und laden ein. Auch wenn ihr die Konzeption und die soziologische Betrachtung von Mode sehr am Herzen liegt, fertigt sie nach wie vor ihre Musterkollektionen selbst. Würde sie nur zeichnen und außerhalb fertigen lassen, müsste sie auf wichtige gestaltungstechnische Momente verzichten. Erst beim Ausprobieren und Fühlen von Stoff zeigt sich doch, was in ihm steckt.
\"Zwölf Töne\" heißt ihre aktuelle Herbst/Winter-Kollektion 06/07 - an den saisonbedingten halbjährlichen Produktionsvorlauf hat sie sich gewöhnt. Kurz nach der Präsentation der aktuellen Entwürfe auf den jeweiligen Messen erfolgt die Auslieferung der vorherigen Kollektion an den Handel. \"Mein Sommer ist der Winter. Ich merke, dass ich in den Wintermodellen viel stärker bin, der Winter ist angezogener, das macht mir mehr Spaß.\" Und das ist den Entwürfen anzusehen. Zwölf Töne, eine elektromodische Symphonie in den Klangfarben Schwarz, Weiß und Grau, ein Bootleg aus Mode und Musik - gerade Letzteres war eine große Inspiration. Es ist vor allem die Musik von Heiko Badje (La Grande Illusion), die Bitten zum Sampeln verleitet, sie überführt seine eindringliche Musik in ihre detailverliebte Kollektion. Arrangiert werden dabei abspielbare Kleidungsstücke, die mit alten und neuen Tönen spielen: Wie geknickte Notenblätter entspringen Falteneinsätze aus Dekolletee und Schlitzen. Bleistiftröcke und Bundfaltenhosen mit Tasten und Knöpfen zeichnen die Harmonien der Kollektion. Instrumentale Details und Materialien wie Seide, Schurwolle, Viscosejersey und Sweatshirtstoff geben den Ton an. Gestrickte Plattenspieler-Pullover und Kopfhörer-Schals sind Abspielgerät und Accessoire des Tonträgers. Ein famoses Konzert für Frauen und Männer.
www.bittenstetter.com
www.la-grande-illusion.com
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