Die Jugend Von Heute

Auf der Suche nach der verlorenen Jugend

27.03.2006, 12:16, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Ausstellungen, die zeitgenössische Kunst anhand eines gesellschaftlichen Themas präsentieren, erfreuen sich reger Beliebtheit. Häufig scheitern solche Projekte jedoch an der Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Ausstellungskatalog und ausgestellte Werke stehen sich dabei fremd gegenüber. Ambitioniert formulieren die Katalogbeiträge einen kuratorischen Leitfaden, den die Auswahl der Exponate nicht erkennen lässt. Die Theorie fungiert dabei nicht selten als Legitimation des gewählten Themas. Dies wurde jüngst in der Wiener Ausstellung \"Superstars - Das Prinzip Prominenz\" besonders deutlich. Die Katalogbeiträge bemühten sich, den Superstar als letzte Wunschprojektion des Kapitalismus darzustellen, um dessen Gunst auch die bildenden Künstler buhlen.

Sogar die FAZ lobte die Publikation als vielleicht letzte Gelegenheit, \"noch mal in dem angenehm suggestiven Sound der Cultural Studies zu baden, in Texten wie DJ-Sets aus den Neunzigerjahren, voller harter Theorieriffs und den besten Benjamin/Debord/Foucault-Samples\". Und was leistete die Ausstellung dazu? Gar nichts außer einem Sammelsurium von Beuys bis Warhol, von Dali bis Duchamp, das lediglich deutlich machte, dass sich alles nur Denkbare unter ein Thema subsumieren lässt, sofern man dieses nur möglichst schwammig hält.

Ein ähnliches Dilemma zeigt sich nun in der Frankfurter Kunsthalle Schirn. Zwar haben sich die Kuratoren ausschließlich auf Kunst der Gegenwart beschränkt und so für einige Entdeckungen gesorgt, dafür jedoch ein Thema gewählt, an dessen Behandlung nicht erst Ausstellungen, sondern schon ganze Generationen von Soziologen gescheitert sind: \"Die Jugend Von Heute\". Was das genau sein soll, weiß niemand so recht, Ratlosigkeit bestimmt den Grundton der Katalogbeiträge. Matthias Ulrich stimmt in das bewährte Theorie-Sampling ein, zitiert Baudrillard zum Thema Graffiti (gähn) und erklärt Skater sowie Traceurs zu den letzten wahrhaften Erben der Situationistischen Internationale, die einmal gefordert hatte, sich den urbanen Raum durch zielloses Umherschweifen anzueignen. Mit Ausnahme des Blumfeld-Mottos und der Erwähnung der Traceurs könnte der Text auch aus einer Publikation der Mittsiebziger stammen. \"Jugend von heute\"? - Fehlanzeige. Geradezu erfrischend liest sich dagegen der Beitrag von Mercedes Bunz, gelingt es dem Text doch, das Konzept der Ausstellung in Frage zu stellen. Jugend im bisher gebräuchlichen Sinne, lautet die Grundthese, gibt es nicht mehr. \"Menschen, welche die Vierzig überschritten haben, gehen immer noch auf Konzerte und hören sich die neuen The-Bands an.\" Oder sie schreiben Texte über das Thema Jugend, weil dies ihnen das Gefühl gibt, Jugend zu verstehen und damit selbst noch nicht ganz von gestern zu sein.

Wesentlich pragmatischer nähern sich die meisten bildenden Künstler dem Thema. Jugend, das machen die Bilder, Fotografien und Videos in der Ausstellung deutlich, ist erst einmal eine Frage des Alters. Mit jugendlicher Lebenswelt wie im Fall von Joao Onofres Video \"Casting\" geben sich dagegen die wenigsten Künstler ab. Es sei denn, man deutet dies in die Werke hinein. Dann kann Danielle Buettis spielerische Kritik an Markenprodukten ebenso unter das Motto Jugend gefasst werden wie Gavin Turks Wachsfigur von Che Guevara. Um ein paar Ecken hat Letztere irgendwie etwas mit Rage-Against-The-Machine-T-Shirts gemeinsam. Mehr aber auch nicht. Eine Arbeit wie Marc Bijls \"Teenage Kicks\" von 2003, die den Spruch \"Live fast, die young\" als Wandbeschriftung hinter einem Schlagzeug präsentiert, geht schließlich völlig am Thema vorbei, da sie uns nicht \"Jugend Von Heute\", sondern die von gestern präsentiert. Nichts charakterisiert gegenwärtige Jugend wohl schlechter als das in Frankfurt immer wieder mit Jugend assoziierte Trio von Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Die Grenzüberschreitung ist da zur Projektion von Erwachsenen geworden, die sich sehnlichst wünschen, dass ein Skater beim Skaten reflektierte Kritik an der Beschaffenheit des öffentlichen Raums übt, anstatt einfach nur einen Sport auszuüben, mit dem man anderen in der Clique imponieren kann. Fast völlig ausgeblendet findet sich daher jene öde Realität, die für Jugendmythen wenig hergibt: die aus Zukunftsangst heraus perfekt vollzogene Anpassung an die so genannte Normalität, sei es durch Teilnahme am Weltjugendtag, sei es durch das Absolvieren von Praktika im zweistelligen Bereich.

Die Jugend sei eine Erfindung des Bürgertums, schreibt Georg Seeßlen in seinem eher zerfahrenen Katalogtext. Dieser Gedanke ließe sich durchaus Gewinn bringend weiterführen: In dem Maße, in dem das Bürgertum als Klasse an Bedeutung verloren hat, existiert auch Jugend nicht mehr im Sinne eines Stadiums der Auflehnung, durch welches sich das Bürgertum stetig erneuert und am Leben erhält. Dieser mit Avantgarde assoziierte Fortschrittsgedanke hat sich als Luxus herausgestellt und ist somit antiquiert. Sonic Youth sind heute zum Synonym für eine Gruppe von Fünfzigjährigen geworden.

Traceurs
Parkour nennt sich eine Extremsportart, die der Franzose David Belle in den 1980ern ins Leben gerufen hat: Die Traceurs bewegen sich dabei in der Stadt, ohne auf Hindernisse Rücksicht zu nehmen, springen von Dach zu Dach, überwinden Mauern und Treppengeländer. Madonna hat einen Traceur in ihrem Video zu \"Hang Up\" gezeigt. Das Spiel zwischen Sport und Stunt hat militärische Wurzeln und geht auf eine Überlebenstechnik der US-Soldaten im Vietnamkrieg zurück.

Sonic Youth
Im Interview 2004 sagte Steve Shelley, dass die Band auch mit zunehmendem biologischen Alter nie daran gedacht habe, ihren Bandnamen aufzugeben. \"Jugend ist längst keine Frage des Alters mehr\", erklärte Shelley, \"sondern eine der Neugierde und der Freude am Experiment. Es gibt Teenager, die schon so träge wie Greise sind, und es gibt Menschen wie John Cage, die sich noch im hohen Alter wie Teenager benehmen.\"



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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