Joseph Beuys

Stilles Jubiläum

01.03.2006, 17:30, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

\"Schluss mit Mozart!\" möchte man schon zu Beginn des noch jungen Jahres ausrufen und endlich auch mal etwas über ein anderes Jubiläum lesen. Zum Beispiel über den 20. Todestag von Joseph Beuys. Doch der wird bei weitem nicht so lautstark und medienpräsent wie der allseits gefällige Mozart gefeiert. Verwundert stellte die Süddeutsche im Januar die Frage: \"Wie konnte es passieren, dass ein Künstler, der neben Warhol als der bedeutendste der gesamten Kunstwelt galt, so sehr in Vergessenheit geriet?\" Von dieser Vergessenheit zeugt, dass anlässlich des 20. Todestages nicht etwa eine große Retrospektive geplant ist, sondern lediglich verschiedene, über die ganze Republik verteilte Museen Kleinausstellungen zeigen.

Die Münchener Pinakothek der Moderne präsentiert unter anderem bis zum 23. April 20 Arbeiten auf Papier und eine Tonbandaufnahme aus dem Jahre 1985. Das klingt nicht gerade nach Superlativen, sondern eher nach einer Entrümpelung der eigenen Archive. Ähnlich verhält es sich mit der Ausstellung \"Lebenslauf = Werklauf\" im Hamburger Bahnhof, Berlin. Die Bestände stammen aus Berliner Sammlungen - von einer aufwändig kuratierten Werkschau kann dabei so wenig die Rede sein wie bei \"Heilkräfte Der Kunst\" zum Themenkomplex \"Beuys und die Medizin\" in Düsseldorf (bis 19. März). Wer im Jubiläumsjahr Beuys-Arbeiten sehen möchte, bekommt also kaum mehr geboten, als allemal an Exponaten dauerhaft in den Museen zu sehen ist.

Die Süddeutsche hatte auch gleich eine Antwort darauf parat, warum Beuys inzwischen vergessen ist: Sein Name sei unmittelbar mit der \"alten Bundesrepublik\" verbunden, mit deren Gesellschaft und Politik, von der Berliner Mauer bis zur RAF. Das Politische an Beuys, dem Mitbegründer der Grünen, scheint so anachronistisch zu sein wie die ganzen Debatten, mit denen sein Name verbunden ist: Ökologie-Bewegung, Bürgerinitiativen und NATO-Doppelbeschluss, auf den Beuys mit dem verhauenen Popsong \"Sonne Statt Reagan\" reagierte. Diesem Eindruck des Anachronismus' kann man jedoch einen Ausspruch von Martin Kippenberger entgegenhalten, dass Beuys zwar \"als Politiker durchgefallen\" sei und trotzdem eine schillernde Künstlergröße war. Aber lassen sich der politische und der künstlerische Beuys überhaupt so einfach trennen? Ist es nicht gerade das von ihm angestrebte \"Gesamtkunstwerk\" aus Leben und Arbeit, das Beuys ebenso faszinierend wie streitbar gemacht hat? Über die Frage danach, inwieweit das Projekt Avantgarde in Beuys seinen letzten großen Vertreter gefunden hatte, der dessen ganze Ambivalenz verkörperte, werden wir wohl in diesem Jahr höchstens etwas in Publikationen, nicht in Ausstellungen erfahren.

Ambivalent nämlich war er, der Versuch, Kunst und Leben in eins zu setzen. Jeder Mensch sei ein Künstler, lautete ein berühmter Beuys-Ausspruch, die Gesellschaft müsse man als \"soziale Plastik\" begreifen. Aber ist es wirklich wünschenswert, dass jeder Mensch zum Künstler wird? Endet so etwas nicht in schrecklichen Töpferkursen und Glasmalerei? Und hatten die Nazis nicht auch schon einmal Politik als Gesamtkunstwerk inszeniert, sodass Walter Benjamin warnte, ein Grundmerkmal des Faschismus sei die \"Ästhetisierung der Politik\"? Beuys stand zwar der Fluxus-Bewegung nahe, die an einer Abschaffung großer Künstlerpersönlichkeiten arbeitete, ließ sich aber dennoch als Schamanen, \"Heiler\" und \"transzendentalen Arzt\" feiern. Sehr viel Pathos und Individualmythologie steckt in seinem Werk, dessen Materialien wie Filz und Fett ganz an die eigene Biografie gekoppelt sind: Als Kampfflieger unter den Nazis erlitt Beuys 1943 auf der Krim eine Bruchlandung und wurde schwer verletzt von einer Gruppe Tataren mit Fett und Filz gesund gepflegt. Dieser \"zweiten Geburt\" verdankte Beuys einen Großteil seiner künstlerischen Formensprache. Das Archaische in seinem Werk, Technikfeindlichkeit und Naturmystik sind von Kritikern immer wieder in die Nähe der Nazi-Esoterik gerückt worden.

Und doch muss Beuys in einem linken Kontext betrachtet werden. Sein erweiterter Kunstbegriff brachte die noch junge Republik, allen voran die Bild-Zeitung und deren Leser, auf die Palme, sein liberaler Unterricht an der Kunsthochschule Düsseldorf soll legendär gewesen sein. Thomas Groetz geht in seinem Buch \"Kunst - Musik\" sogar so weit, Beuys als heimlichen Vater der deutschen Punk-Bewegung zu bezeichnen. Das mag übertrieben sein, doch tatsächlich haben viele Beuys-Schüler dessen Konzept der radikalen Ausdrucksfreiheit Anfang der 1980er-Jahre auf Punk übertragen. Das Manifest der \"Genialen Dilletanten\" aus Berlin hätte fast wörtlich aus der Feder von Beuys stammen können.

Dass es heute keine großen Künstlerpersönlichkeiten wie Beuys mehr gibt, hängt nicht nur mit der Unübersichtlichkeit des Marktes zusammen. Die Fähigkeit von Beuys, sich als lebendes Kunstwerk zu stilisieren, hat längst etwas Unzeitgemäßes. In ihr manifestierte sich, wie der Kunsthistoriker Donald Kuspit anmerkte, der letzte große Versuch, ein Genie zu inszenieren. Heute, wo Beuys nicht mehr als Person präsent ist, beschimpft ihn auch niemand mehr als Scharlatan. Die Provokation ist verblasst und das Jubiläum nichts weiter als die Pflichtübung der Museen, ein paar Vitrinen zu verschieben.



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aus Intro #136 (März 2006)
 
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