Re-Make, Re-Model
25.10.2005, 12:33, Text:
Klaus Walter,
Klaus Walter
\"Bei der Menge von Schwarzen, die sich nach wie vor die Haare entkrausen lassen, ist es eigentlich ein Wunder, dass wir statt für Martin Luther King nicht einen Nationalfeiertag für Madame C.J. Walker haben, die Erfinderin der Entkrausmethode\", meint der schwarze Literaturwissenschaftler Henry Louis Gates in seiner Autobiografie \"Farbige Zeiten\" und widmet dem Thema \"Frisuren\" ein ganzes Kapitel.
\"Kann der Afro überhaupt ironisch sein?\" fragt Thomas Meinecke in unserem Gesprächsbuch \"Plattenspieler\" (von Frank Witzel, Thomas Meinecke und mir, erschienen bei Nautilus, das Hörbuch dazu bei Normal Records). Es ist der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Fragen rund um Haarschnitt und Frisur.
Für Gates und Meinecke, für uns in den Fünfzigern (und frühen Sechzigern) geborene Männer gab die Frisur immer Auskunft über den Stand der Dinge, besonders der Pop-Dinge. Wann hast du dir zum ersten Mal die Haare wachsen lassen? Wann hast du dir die Haare abgeschnitten? Wer 1966 noch mit kurzen Haaren rumlief, war genauso unmöglich wie einer, der 1979 noch mit langen Haaren rumlief. Er hatte Entscheidendes verpasst. Oder einen despotischen Vater. Komisch, wie wichtig Frisuren sind, komisch, wie kleine Veränderungen auf dem Kopf biografische Wendepunkte markieren, wie Nuancen der Frisur Abgrenzungen ermöglichen. Wie etwa einer Kurzhaarfrisur des Jahres 1977 anzusehen sein musste, dass ihr Träger lange Haare und was dazu gehört hinter sich hat, also nicht etwa einer ist, der die Haare schon immer kurz trug, womöglich tragen musste, weil er sich nicht gegen seine Eltern hatte durchsetzen können. Im Zweifelsfall half die Kleidung der Frisur zur Kenntlichkeit. Allerdings gab es einen kurzen historischen Moment, circa Sommer 79, da konnte man eine bestimmte Sorte orthodoxer Neo-Mods mit ihren Secret-Affair-Frisuren und den immer etwas zu knappen dunklen Anzügen verwechseln mit Angehörigen einer Mormonen-Sekte, die von Haus zu Haus zogen, um Anhänger zu werben. Das war aber die Ausnahme von der Regel, nach der die Frisur verbindlich die Zugehörigkeit zu bestimmten Tribes, Fraktionen oder Vereinen signalisiert. Wann war es eigentlich vorbei mit dieser Verbindlichkeit? Wann setzte die Postmoderne der männlichen Frisur ein? Vermutlich mit der Postmoderne des Pop, mit der Blüte der Style-Bricolage zu Beginn der Achtziger. Heaven 17 inszenierten sich als \"elegant rebels in cheap hotels\", smarte Businesstypen, die unter der cleanen Oberfläche Subversives im Schilde führten; ABC verpackten ihre Subversion ins \"Lexicon Of Love\", eine Art Utopie des Begehrens als Gegenentwurf zur tristen Realität des Thatcherismus, dazu trugen sie Goldlamé-Anzüge und gefönte Seitenscheitel: \"I'll be your millionaire, I'll be your Fred Astaire.\" Kann der Scheitel ironisch sein? Die Ironie, das Zitathafte - ABC-Sänger Martin Fry teilt nicht nur die Buchstaben seines Nachnamens mit Bryan Ferry -, das dandyeske Spiel mit geliehenen Identitäten und strategisch eingesetzten Frisuren, all das ging schon beim Transfer vom UK in die BRD verloren. Wer 1982 in Deutschland aussah wie Martin Fry, war eher Vorsitzender der Jungen Union als Vorsänger einer linken Popband. An der Frisuren- und Lebensstilfront standen sich Punks und Popper unversöhnlich gegenüber, die Versuche der deutschen Pop-Intelligenz (späte Sounds, frühe Spex), die subversiven bis situationistischen Anteile des britischen 82er-Pop in die BRD zu importieren, waren zum Scheitern verurteilt. Zu statisch waren die antagonistischen Zuschreibungen zwischen Punks und Poppern. Heute fast vergessen sind die homophoben bzw. misogynen Züge so mancher Anti-Popper-Tirade aus dem Bierfront-Punk-Lager. Bevorzugte Zielscheiben waren Phil Oakey, der Sänger von Human League mit der asymmetrischen Frisur und den affektierten Gesten, und, schlimmer noch, Boy George, das Girl im Boy, das sich seinen größten Hit und seine Dreadlocks ausgerechnet im notorisch homophoben Jamaika ausgeliehen hatte. Nein, es funktioniert schon lange nicht mehr, das gute alte \"Sag mir, was du trägst, und ich sag dir, wer du bist\". Eine spezielle Frisur ist heute weniger ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Peergroup als Alleinstellungsmerkmal am Markt. Zu besichtigen jeden Samstag in der Sportschau: Oder verrät ein temporärer Irokese auf dem Kopf von Mehmet Scholl etwas über dessen Musikgeschmack? Cornrows bei Otto Addo und Ze Roberto über deren politisches Bewusstsein? Gel auf Oliver Kahn über dessen Gendertroubles?
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