sofortmusik

Anregende Piezokristalle

26.09.2005, 16:56, Text: Susanne Pospischil, Susanne Pospischil

Kaufen, aufreißen, aufkleben, Musik hören - einmalig, im wahrsten Sinne. Denn wer jetzt nicht aufgepasst hat oder das Ganze noch mal hören will, muss die nächste Tüte öffnen und erneut kleben. Klingt kryptisch und ist noch Zukunftsmusik, obwohl die Idee dahinter ganz entgegen den geläufigen Konsumgewohnheiten fast schon rührend Bedürfnisse aus einer Zeit vor den weißen Kopfhörern befriedigen will, in der Musik noch an ein Medium gebunden war, mit dem wir uns identifizieren und das wir freudestrahlend unterm Arm nach Hause tragen konnten.

Zur Erklärung: sofortmusik sind kleine autarke Musikträger. Auf ihnen ist Musik gespeichert, die durch Aufkleben auf eine Resonanzfläche, wie zum Beispiel eine Glasscheibe, gehört werden kann.

Möchte man ein Lied anhören, so kauft man eine sofortmusik und klebt sie entsprechend auf. sofortmusik lässt sich dabei nur einmal abspielen und beruht so auf dem Gedanken der Jukebox. Ist gerade die Straßenbahn störend durchs Lied gerappelt, kauft man eben eine weitere Packung.

Beim Blick hinter den mystischen Soundprozess kommen die kleinen Steinchen mit wohlklingendem Namen ins Spiel: die Piezokristalle. Töne werden bekanntlich durch Schwingungen erzeugt und durch Schallwellen übertragen. Piezokristalle haben eine besondere Eigenschaft: Wird eine elektrische Spannung angelegt, verformen sie sich minimal. Dieser Effekt lässt sich akustisch verwenden. Ein integrierter digitaler Chip, auf dem die Musik gespeichert ist, versorgt den Kristall mit Strom. Sobald sofortmusik irgendwo klebt und mittels Fingerdruck aktiviert wird, überträgt dieser die Impulse dann weiter auf die Fläche und regt sie zum Schwingen an. Die Musik wird hörbar gemacht. Die Fläche dient also als Membran, wie bei einem Lautsprecher.

Ein kleiner Aufkleber, der unsere volle Aufmerksamkeit einfordert und der nach wenigen Minuten des akustischen Preisgebens sein Innerstes ausgehaucht hat, um dann als optisch ansprechende Hülle zurückzubleiben - sehr exklusiv. Sein Erfinder heißt Christian Ruchnewitz, und er denkt noch weiter: Vielleicht ist es irgendwann möglich, (eigens aufgenommene) akustische Botschaften mittels dieser Technik zu hinterlassen, kleine, sprechende, ganz persönliche Instant-Botschaften.

Noch ist es Gegenstand seines Vordiploms an der hfg Offenbach am Main zum Thema \"Klang im öffentlichen Raum\", bis ins Detail ausgefeilt und durchdacht, aber eben noch vor der Schwelle zur Realisation. Die Entwicklungskosten sind nur mit potentem Partner aus der Industrie im Boot tragbar, der noch gefunden werden will.

Zwei unterschiedliche Formate sollen hoffentlich bald im Automaten an Bahnhöfen, auf Flughäfen, im Kiosk oder am Supermarkt an der Kasse erhältlich sein: Einmal die \"Musik-Tafel\", ähnlich einer Schokolade in mehrere Stücke unterteilt, die unabhängig voneinander herausgetrennt und abgespielt werden können (das Pendant zur LP), und dann noch die \"Musik-Tüte\", die der Single entspricht und nur ein Lied enthält.

Christian Ruchnewitz behauptet, sofortmusik sei ein schlichtes einfaches Produkt, preislich im Cent-Bereich einzuordnen. In seiner Anwendung und Wirkung ist dieses Tütchen Musik (inklusive haptischen Kinder-Überraschungs-Freuden) vielleicht in der Lage, Werte zu transportieren, die wir damals beim Nach-Hause-Tragen und Auspacken so geliebt haben. Und wie viele Fensterscheiben, Glastüren oder Bildschirme warten darauf, zum Schwingen und Klingen gebracht zu werden?

Infos und Kontakt unter presse@hfg-offenbach.de.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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