
Bill Jacobson
Entrückte Welt
20.07.2005, 12:44, Text:
Martin Büsser,
Martin Büsser
Anfangs fotografierte er Körper, Männerkörper, einzeln oder einander zugewandt. Identität war auf diesen Fotos keine mehr auszumachen, die Gesichter waren so gut wie ausgelöscht, die Konturen verschwammen an den Rändern. Die frühen Bilder des in Connecticut geborenen Fotografen Bill Jacobson waren ein Kommentar auf die zerstörerische Kraft von Aids. Und sie waren ein Affront gegen das allgemeine Verständnis von Fotografie, die Wirklichkeit so genau wie möglich wiederzugeben. Jacobson wählte das bewusst Fehlerhafte, die Unschärfe, und lotete sie bis zum Extrem aus, dem Punkt des Gerade-noch-Erkennbaren.
Seine Arbeit richtet sich vor allem gegen die Modefotografie und deren Fixiertheit auf junge, gut aussehende Körper - wie alt die Menschen auf Jacobsons Portraits sind, lässt sich dagegen nicht ausmachen.
Im Hatje Cantz Verlag ist nun ein opulenter, großformatiger Bildband mit jüngeren Arbeiten von Jacobson erschienen, Bilder von Städten, Landschaften und Menschen, die dessen Nähe zu Gerhard Richter offenbaren. Auch Gerhard Richter nutzt bei seiner Arbeit das Prinzip der Unschärfe: Richters verschleierte Gemälde, unter anderem der berühmte RAF-Zyklus \"18. Oktober 1977\", basieren auf fotografischen Vorlagen, die in der gemalten Umsetzung jedoch extrem verwischt wirken. Richter hat dieses Prinzip auf alle nur denkbaren Motive angewandt, von pornografischen Bildern bis zu Jagdbombern, von Landschaften bis zu den Kerzen, die auch das Cover der Sonic-Youth-LP \"Daydream Nation\" zieren. Indem Richter alles gleichermaßen weich zeichnete, wollte er die auf seinen Gemälden dargestellten Motive \"neutralisieren\": Alles sollte, so Richter, gleich wichtig und auch gleich unwichtig wirken, also keiner Wertung unterzogen werden. Doch Richter erzielte einen ganz anderen Effekt, der wohl auch der Grund für den enormen Erfolg seiner Arbeiten ist: Aufgrund der Unschärfe erhalten seine Bilder etwas auratisch Entrücktes. Vor allem die in warmen Farben gestalteten Wald-, Feld- und Wiesenbilder sind alles andere als \"neutral\". Sie romantisieren Natur und sind damit weit von jener irritierenden Überschärfe des amerikanischen Fotorealismus' entfernt, der darauf zielte, dem Dargestellten jegliche Aura zu nehmen. Und selbst noch bei seinen unscharf wiedergegebenen Motiven der RAF-Toten musste sich Richter immer wieder den Vorwurf anhören, dass diese Bilder Sympathie für die Terroristen zum Ausdruck bringen würden. Der Schleier entrückt die Dinge und gibt deshalb den Anschein von Versöhnung.
Einen ähnlichen Effekt haben Jacobsons Arbeiten: Das Spiel mit dem Beinahe-Nichts, das nach der Wirklichkeit dessen fragt, was wir sehen oder zu sehen glauben, enthält kein wirklich aggressives, ikonoklastisches Moment. Es kitzelt vielmehr die Flüchtigkeit hervor, die in uns ein Gefühl der Teilhabe auslöst, ein Bewusstsein dafür, wie wertvoll der Augenblick angesichts des ständigen Wandels ist. Monumentale Stadtbilder wirken bei ihm plötzlich weich. Waren seine Arbeiten anfangs vor allem auf den Hinweis bedacht, dass Aids sich nicht ignorieren lässt, so wendet er nun das Gefühl von Verlust auf die gesamte Umwelt an: Die Bilder rufen in Erinnerung, dass Städte ebenso temporär sind wie Menschen und dass das Verschwinden alles miteinander vereint, wenn auch nicht unbedingt - wie im Fall von Gerhard Richter - relativiert.
Ästhetisch arbeitet sich Jacobson an genau jenem Prozess ständiger Transformation ab, der seit dem Impressionismus zur Schlüsselfrage der Moderne geworden ist. Als die Fotografie aufkam und die Dinge mit ihr für immer gebannt werden konnten, begann die Malerei, sich dem Flüchtigen zuzuwenden, dem Augenblick. Entfernt erinnern Jacobsons Fotos daher auch an die späten Arbeiten von Claude Monet, der seine Motive zunehmend in Abstraktion auflöste. Sie lassen sich als nachträgliches, sehr spätes Tribut der Fotografie an die Malerei lesen.
Jacobsons Bilder haben allerdings auch noch einen anderen Effekt: Sie löschen Identität aus. Wir erkennen die Menschen auf seinen Fotos nicht, und auch nicht die Städte. Man könnte dies - wie im Fall von Jacobsons Kollegen David Armstrong - als einen speziell \"queeren\" Blick auf die Welt deuten, der identitäre Zuschreibungen bewusst ablehnt. Doch neben dieser politischen Lesart arbeitet sich Jacobson primär an ästhetischen Fragen von Wahrnehmung ab: Der Schleier hält die Dinge auf Distanz und macht sie deswegen umso begehrenswerter, da einen wohl nichts so sehr anzieht wie das, was sich gerade zu entziehen droht. Man könnte von \"kranken\" Arbeiten sprechen, von Bildern, die wirken, als würde hier ein unter grauem Star Leidender die Welt betrachten. Die Tatsache, dass die Welt aus diesem \"kranken\" Blickwinkel heraus jedoch poetischer wirkt als die scharfe Sicht, ist die subversive Stärke von Jacobsons Verfremdung. Wäre die Welt wirklich enträtselt und läge alles klar vor Augen, wäre sie wohl kaum noch lebenswert.
Gerhard Richter
Als der in Ostdeutschland geborene Künstler in den Westen kam, kreierte er in den 1960er-Jahren den \"Kapitalistischen Realismus\", eine ironische Anwendung sozialistischer Ästhetik auf die Konsumgesellschaft. Seit 1969 arbeitet Richter an seinem \"Atlas\", einem Archiv aus Zeitungsausschnitten, Fotografien und Collagen, die oft als Vorlage für seine unscharf gehaltenen Gemälde dienen. Richter gilt als der erfolgreichste und bekannteste lebende Künstler Deutschlands.
David Armstrong
Zusammen mit Nan Goldin absolvierte der Fotograf die School Of The Museum Of Fine Arts in Boston. Sowohl Goldin wie auch Armstrong fanden ihre Motive in der großstädtischen Boheme, fotografierten in Nachtclubs und Schwulenbars. Während Goldins Arbeiten spontan und authentisch wirken, arbeitet Armstrong bevorzugt stilisiert in Schwarz-Weiß und hat in den letzten Jahren verstärkt Unschärfe als Verfremdungseffekt eingesetzt.
Bill Jacobson
Photographs
Hatje Cantz, 92 S. mit durchgehend farbigen Abb., EUR 49,80
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