Websites des Vergessens

Besoffene Gegenwelten

20.07.2005, 12:37, Text: Martin Riemann, Martin Riemann

- \"Kann ich das T-Shirt behalten?\" - \"Ja, als Erinnerung. Die kriegst du ausnahmsweise vorher, weil du wirst sie nachher nicht mehr haben.\" (aus \"Bier Brother\")

Die Menschen trinken Alkohol aus den unterschiedlichsten Motivationen, aber immer mit demselben Resultat. So ähnlich formuliert es Haruki Murakami in seinem Buch \"Wilde Schafsjagd\". Welches faktische Resultat aber kann der japanische Autor meinen? Man weiß doch aus eigener Erfahrung, dass der Konsum von Alkohol extrem unterschiedliche Folgen mit sich bringen kann: Einige werden flennende Kleinkinder, andere zu rasenden Furien und wieder andere zu Gelegenheitshomosexuellen.

Aber: Es gibt ja ein über den normalen Suff hinausgehendes Stadium, das ebenfalls einigen bekannt sein dürfte, das Stadium des absoluten Kontrollverlustes über den Körper und dessen Funktionen. Ein Zustand, der lange als unangenehme Nebenwirkung fröhlicher Räusche ein (privates) Schattendasein führen musste, der aber in den letzten Jahren dank der Abschaffung privater Räume und des Internets eine spannende öffentliche Wahrnehmung erfahren hat - dokumentiert von Menschen aller Klassen, Nationalitäten und Altersstufen.

Es soll hier nicht um eine Glorifizierung des Trinkens gehen. Jeder weiß, dass der Alkohol das Leben von Millionen zerstört hat und vor allem unzählige Frauen und Kinder erheblich in ihrer freien Entfaltung behindert - aber das kann man über den Katholizismus ja auch sagen.

Wird beim Konsum von geistigen Getränken eine gewisse Promillegrenze überschritten, entsteht eine Tendenz vom Menschen zum Ding. Bei ca. 2 Promille treten starke Koordinationsstörungen auf, und ab ca. 2,5 bis 3 Promille gibt es Bewusstseinstrübung und Lähmungserscheinungen. Hat man erst mal diese Hürde überschritten, ist man nur noch Objekt und der Bosheit oder Kreativität seiner Umwelt hilflos ausgesetzt. Man wird dekoriert. Im Internet kursieren unzählige Zeugnisse dieses erstaunlichen Rituals.

Einen Einstieg verschaffen die von Usern eingesandten Bilder auf der Website www.betrunkene-dekorieren.de, die streng systematisch zwischen der Dekoration mit Gegenständen, der Dekoration durch Anmalen, dem Verzieren von Körperöffnungen und ganzen Dekorationszyklen (diese seien hier besonders empfohlen) unterscheidet. Alles, was der gemeine Saufkumpan gerade zur Hand hat, wird entweder auf die Schnapsleichen aufgetragen oder in sie eingeführt. Ist es Tradition oder Zufall, dass das Österreichische Äquivalent www.betrunkene-dekorieren.at einen noch originelleren Umgang mit dem Sujet demonstriert? Hier gibt es unter dem Motto \"Wer schläft, verliert!\" auch einige so genannte Splatterdekorationen zu bewundern. Viele der Fotos erinnern in ihrer juvenilen Hemmungslosigkeit an die Happenings von Herrmann Nitsch, Otto Muehl und anderen Vertretern des Wiener Aktionimus. Bei dieser Kunstrichtung wurde bewusst der dionysische, orgiastische Akt als Form der alle Konventionen sprengenden Selbstbefreiung demonstriert. Verhält sich das anders, wenn man dasselbe nur so zum Spaß tut? Eher das Gegenteil ist der Fall! Ist es übertrieben, diesen neuen Trend des Internetzeitalters als Kunstform zu bezeichnen? Der Mensch trotzt erfolgreich seinem Schicksal als determiniertes Mitglied einer Gesellschaft, in der Produktivität, Attraktivität und Gut-Menschentum oft zu den obersten Geboten zählen. Seit selbst Punkrocker aktiv die Welt verbessern wollen, ist hier eine Stelle von großer psychosozialer Bedeutung vakant geworden - und die vielen Bilder von Menschen, die sich offensichtlich entschieden haben, sich für eine Weile einfach mal auszuklinken, um sich spontan in Kunstwerke verwandeln zu lassen, sind ein überzeugender Denkanstoß, dass es auch anders geht. So erbaulich die Gegenentwürfe der Deko-Trinker allerdings auch sind, welcher Mensch hinter der jeweiligen Installation steckt, bleibt im Verborgenen. Und das ist in den meisten Fällen wohl auch besser so.

Der Film \"Bier Brother - Du Trinkst Nicht Allein\" geht in dieser Beziehung andere Wege und ist eine Zierde der modernen Besoffenenbeobachtung. In Anlehnung an die Realityshow \"Big Brother\" wagen drei Männer das Experiment, gemeinsam vor laufender Kamera abzustürzen. Eingesperrt in einen fensterlosen Raum, müssen sie innerhalb von drei Tagen 192 Dosen Hansa-Pils in sich hineinschütten, um eine Bierbüchsenpyramide, die so genannte Bieramide, aufzustapeln. Das Bier ist hier in seiner Wirkung mit der Zeitlupe des Tierfilmers zu vergleichen, da durch die extreme Verlangsamung der Einflussnahme des Wirkstoffs (der ja übrigens sehr gesund sein soll!) bestimmte Prozesse erst erkennbar werden. So unterhält man sich während der ersten Liter noch gepflegt über die Mechanismen des Alkoholkonsums und entlarvt das eigene Verhalten als zwanghaft. Im weiteren Verlauf des Films erfährt der Zuschauer dann einiges über den befreienden Effekt dieses Zwangs, wenn unter lautstarkem Rülpsen immer wirrer werdende Diskussionen über den Effekt von Pornofilmen für das Muskeltraining, den Unterschied zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten und die Wichtigkeit der Analphase geführt werden. Während Alexander (27), Initiator des Projekts und hauptberuflich Privatdetektiv, trotz eifrigen Bierstürzens für den ungeübten Beobachter keinerlei nennenswerte Veränderungen an den Tag legt, treten bei Bernhard (34), Kameramann und Teil des Undergroundfilm-Duos Freax, recht schnell destruktive Verhaltensmuster auf. Bernhard ist seine Aufgabe als Kameramann sehr schnell \"scheißegal\", er beginnt Ohrfeigen zu verteilen und bricht schließlich vor den Augen seiner hilflosen Trinkkollegen in Tränen aus. Klaus (34), ein Hobbymathematiker, ist mit seinen immer tänzerischer werdenden Bewegungen und teilweise hinreißenden Artikulationsschwierigkeiten ein gutes Beispiel für die Anmut und Eleganz, die viele Betrunkene entwickeln können. Klaus schließlich ist der lebende Beweis, dass man auch stark alkoholisiert die Regeln sowohl der Höflichkeit als auch der Gravitation niemals missachten muss und erfüllt somit nichts anderes als eine Vorbildfunktion. Große Klasse, unbedingt ansehen!

Mal abgesehen von dem belustigenden Effekt, den das Thema der Darstellung von Besoffenen haben kann, ist es all jenen empfohlen, die sich mit authentischen subkulturellen Phänomenen und den damit zusammenhängenden Erkenntnissen über menschliche Verhaltensweisen mal nüchtern auseinander setzen wollen. Die Empfehlung von \"Das Buch Vom Trinken\", erschienen im Verbrecher Verlag, und den genannten Links ist nur als Einstieg gedacht. Dem interessierten Surfer offenbart sich recht schnell eine ganze Welt der besoffenen Selbstspiegelung.

Katholizismus
Kann wie Alkohol Trost spendend wirken. Gläubige können starkes Suchtverhalten entwickeln und zum Kauf sündhaft teurer Reliquien (VW Golf) verleitet werden. Zeichnet sich in seiner Geschichte durch großen Pomp, wilde Feste und rücksichtsloses Fehlverhalten gegenüber Andersgläubigen aus. Vertritt bis heute eine rigide, sexualfeindliche Moral. Stichworte: Kreuzzüge, Inquisition, Autodafé, Kolonisation Südamerikas etc. (frei nach Encyclopaedia Britannica)

\"Bier Brother\"-DVD
Bestellen: Alexander Schrumpf, Hünefeldstraße 14 A, 65205 Wiesbaden, Tel (0611) 72 11 16, www.bier-brother.org.

Bier
Als alkoholhaltiges Getränk kann Bier eine starke psychische sowie in noch größerem Ausmaß eine körperliche Abhängigkeit hervorrufen, also süchtig machen bzw. zur Alkoholkrankheit führen. Da in bestimmten Regionen der Konsum von Bier und Wein auch in größeren Mengen gesellschaftlich anerkannt ist und so nicht als auffälliges Verhalten gilt, kann das Suchtverhalten von den Betroffenen und ihrem Umfeld eventuell später erkannt werden als bei anderen Substanzen. (frei nach wikipedia)

Freax
Offenbacher Undergoundfilmer, deren (größtenteils auf Super 8 gedrehte) Filme sich durch Humor der derbsten Art hervorheben. In England wären sie damit Stars. Man kann die Freax sowohl live sehen als auch ihre Filme auf DVD/VHS ausleihen oder kaufen. Empfohlen. (www.freaxxx.de)

Ein paar Links: www.stuerzer-online.de www.alkometer.de www.anonyme-alkoholiker.de www.volltrunken.com



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aus Intro #130 (August 2005)
 
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