Wunschwelten

Im Patchouli-Nebel

16.06.2005, 12:23, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Ihre Namen lauten Hernan Bas, Kaye Donachie, Karen Kilimnik und Christopher Orr. Sie sind fast alle Anfang der 1970er-Jahre geboren und hierzulande bislang noch völlig unbekannt. Eine Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, kuratiert von Martina Weinhart, fasst ihre Arbeiten nun als \"Neue Romantik in der Kunst der Gegenwart\" zusammen. Und tatsächlich erinnern die Bildwelten häufig an Caspar David Friedrich, manchmal aber auch, wie Holger Liebs in seinem SZ-Verriss anmerkte, an den \"Kitschfilm 'Blaue Lagune'\". Es wird wieder gemalt. Aber das ist erst einmal weder etwas Neues noch Besonderes. Neu ist dagegen das Sujet: Im Nebel liegende Landschaften, schmachtend über Wiesen und durch Wälder wandelnde Paare und über Hügeln aufsteigende Engel waren bislang eher der Kaufhauskunst vorbehalten.

Seit Marcel Duchamp, also seit nun fast schon einem Jahrhundert, sollte man denken, verbieten sich Sujets dieser Art von selbst. \"Eine solche Entwicklung ist vielen suspekt\", mutmaßt daher auch Schirn-Direktor Max Hollein in seinem Katalogbeitrag: \"Einem romantischen Stil, einer figurativen, in Schönheit schwelgenden Malerei in lieblichen Farben möchte man auch nur allzu gerne das Label 'reaktionär' verpassen\", nimmt er mögliche Bedenken gleich vorweg. Aber natürlich will \"Wunschwelten\" auch provozieren und setzt mit dieser Provokation selbst einen Trend, den es ohne die Ausstellung vielleicht gar nicht gegeben hätte: Entgegen der diskursiven Kunst der letzten Jahre, die sich als politische Kritik verstand und die die beiden letzten documenta-Schauen geprägt hatte, suggeriert \"Wunschwelten\" einen Trend zur Innerlichkeit, zum Rückzug in ebenso träumerische wie trügerische Paradiese.

Aber was sind das für Paradiese? Taugen sie als Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaft? Auf Kaye Donachies in pastellenen Farben gestalteten Gemälden begegnen wir durchweg androgynen, langhaarigen, halbnackten Wesen. Sie kauern ums Lagerfeuer, spielen Flöte oder kriechen in Höhlen. Erträumt wird eine Hippiewelt, in der alles den Anschein hat, dem eigentlichen Leben zu entsprechen: Naturerfahrung, Harmonie, Sanftheit, Gemeinschaft. In den Gemälden von Hernan Bas wird dies ins Homoerotische gewandt: Jünglinge liegen Rotwein trinkend auf Wiesen und starren melancholisch ins Leere. Wenn man will, kann man darin ein utopisches Moment ausmachen, nämlich den Wunsch, die Hektik und Herzlosigkeit der Informationsgesellschaft zu überwinden. Aber sind nicht auch das längst Gemeinplätze? Besteht nicht die Phantasielosigkeit dieser Künstler darin, dass sie sich eine bessere Welt gar nicht mehr anders als primitivistisch vorstellen können? Raunt aus dieser Archaik nicht schon wieder Heidegger mitsamt antizivilisatorischem Muff? Muss die Welt wirklich wieder nach Patchouli riechen, damit wir uns darin besser fühlen können? \"Wunschwelten\" ist vor allem eines: Ausdruck totaler Ratlosigkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit, die sich die Künstler nur noch außerhalb des Gesellschaftlichen vorstellen können.

Ohne \"Wunschwelten\" wäre die neoromantische Bewegung in der Kunst womöglich niemandem aufgefallen, denn noch immer gibt es genügend gesellschaftskritisch arbeitende Künstlerinnen und Künstler, noch immer sind diese vom Abendglühen durchzogenen Bilder eher Fußnote denn Trend. Und doch korrespondiert die neue Innerlichkeit mit vergleichbaren Entwicklungen in der Literatur und vor allem in der Musik: Ein Großteil der Independent-Musik wird schon seit Jahren von Songwritern bestimmt, die an einem möglichst archaischen Sound arbeiten. Thee Silver Mt. Zion haben beispielsweise ihre aktuelle Platte \"Horses In The Sky\" am Lagerfeuer aufgenommen, dessen Knistern über weite Strecken auf den Aufnahmen zu hören ist. Die fast nur mit Chor und akustischen Instrumenten wie Akkordeon aufgenommene Platte ist förmlich von Naturmystik und der Sehnsucht nach einer musikalisch möglichst reinen, schlichten Form durchdrungen. Ähnliches gilt für Devendra Banhart, Hippie-Kollektive wie Polyphonic Spree und den Vorreiter der neuen Waldschrat-Musik, Will Oldham. Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen der musikalischen und der künstlerischen Rückkehr ans Lagerfeuer: Musiker wie Thee Silver Mt. Zion entstammen einem politischen Kontext, andere wiederum bilden beschädigte Biografien in ihren Texten ab, nachzuhören auf der aktuellen Smog-CD. In den meisten Frankfurter Arbeiten bleiben die Paradiese jedoch ungetrübte Projektionsflächen eines Besseren, das mit Rückgriff auf Romantik, Jugendstil, Präraffaeliten und Nazarener in vormodernen Zeiten gesucht wird. Nicht Will Oldham oder Devendra Banhart würde als Soundtrack zu diesen Bildern passen, sondern Dark Wave. Aber auch der erfreut sich ja einer steigenden Beliebtheit, was zeigt, dass \"Wunschwelten\" zwar nur eine künstlerische Randerscheinung abbildet, sehr wohl aber ein gesellschaftlich grassierendes Symptom.

\"Wunschwelten\" ist bis zum 28. August in der Frankfurter Kunsthalle Schirn zu sehen; zur Ausstellung ist ein Katalog im Hatje Cantz Verlag erschienen.

Nazarener
Parallel zur \"Wunschwelten\"-Ausstellung zeigt die Kunsthalle Schirn noch bis zum 24. Juli eine große \"Nazarener\"-Ausstellung. Beide korrespondieren inhaltlich miteinander. Die Nazarener waren eine Künstlergruppe zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die in Anlehnung an Raffael zu einem neuen, streng religiösen Kunststil zurückfanden. Ihre als antiaufklärerisch eingestufte Kunst bewirbt die Schirn mit der Feststellung, dass sie \"in Zeiten einer Renaissance der Religiosität\" von besonderer Aktualität sei. Müssen wir den Gang ins Museum also künftig als Pilgerweg begreifen?



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aus Intro #129 (Juli 2005)
 
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