
ic! berlin
Blechbrillenverkäufer
23.05.2005, 15:39, Text:
Heike Müller,
Heike Müller
Ralph Anderl war untergetaucht. Fehlanzeige beim Versuch, seinen markanten Kahlkopf auf dem diesjährigen ic!-berlin-Messestand der Opti auszumachen. Nein, beteuerte ein Herr mit wilden Afrolocken und überdimensionaler Sonnenbrille in gebrochenem Deutsch, er sei nicht der Geschäftsführer, sondern sein wieder gefundener Zwillingsbruder aus Los Angeles. Aha. Auch von den berühmten Blechbrillen fehlte zunächst jede Spur. Überall nur weiße Kühlschränke und mittendrin ein Koch, der ausgehungerten Messebesuchern Fastfood de luxe kredenzt. Des Rätsels Lösung: Die Edelstahlbrillen versteckten sich im Eisfach und das siedende Haupt Anderls unter der bombastischen Perücke – passend zu ic! berlins Messemotto “heiß/kalt”.
Solch effektvollen Auftritte sind mittlerweile typisch, wurden anfangs allerdings aus der Not heraus geboren.
Heute ist von den dreien nur noch Ralph Anderl übrig geblieben. Den anderen wurde die Sache zu groß, sie wollten gestalten, nicht verwalten und verließen 2003 das Unternehmen. Dabei hatte alles so beschaulich angefangen und wäre, wäre es nach Kreditinstituten und Brillenherstellern gegangen, nie realisiert worden. Aus Federstahl – ursprünglich für Nirosta-Spülen in Einbauküchen gedacht – Brillen zu fertigen, fanden diese völlig abwegig und winkten dankend ab. Die drei waren noch nicht einmal vom Fach: Haffmans und Gottschling studierten in Berlin Produktdesign, Anderl Kulturpädagogik. Ihre Idee einer federleichten, hochflexiblen Brille ohne herkömmliche Scharniere und ohne Schrauben ließ sie jedoch nicht los. Sie organisierten 1997 in Berlin eine Subskriptions-Party für den Prototyp “Jack”, deren Besucher Urkunden für dieses Modell erwerben konnten. Am Ende des Events standen 32 Gutscheine und das Versprechen, die Brillen innerhalb von drei Monaten auszuliefern. Die Abwesenheit eines Werbebudgets konterten die Jungunternehmer derweilen mit Briefen an neun deutsche Schauspielstars. Corinna Harfouch und Peter Lohmeyer sind seitdem nicht nur begeisterte ic!-Brillenträger, sondern auch Teilhaber der Firma.
Solche Guerilla-Methoden gehören längst der Vergangenheit an. Mittlerweile reißen sich die Optiker auf den Messen um die neue Kollektion, viele gehen dabei leer aus. Trotz rasanter Karriere zielt ic! berlin auf Klasse statt Masse und natürlich auf Innovation in Design und Technik. Der durch sein funktional-schlichtes Outfit bestechende Prototyp “Jack” bekam mit Modellen wie “Peggy” oder “Phil P.” Nachwuchs. Kinderkrankheiten wurden behoben, die Produktpalette erweitert und an technischen Neuheiten gefeilt. Aus den Eisschränken der Opti zauberte Anderl zum Beispiel das Nylonglas für Sonnenbrillen. Es ist aus ähnlich flexiblem Material wie das der Gestelle: kratzfest, leicht und “mit eben dem gewissen Etwas von Nylonstrümpfen”, wie er seine Neuheit gerne anpreist.
Und die ic!-Ideenschmiede köchelt weiter: Demnächst kommt die “Plast-ic!”-Kollektion auf den Markt, sechs Kunststoffmodelle mit neuartigen Steckverbindungen und ic!-typischen Metallscharnieren. “Das Federgelenk ist die Antwort auf alle Fragen”, erklärt Anderl die Firmen- und Designphilosophie, “es ist in seiner Funktion schlicht und direkt.” In Zukunft will er zurück zu den Anfängen, “aus Ideen funktionale Produkte entwickeln”. Vielleicht ein Museum für Streetart oder eine Raumstation. Die Blechbrillen sind nur der Anfang. www.ic-berlin.de
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