
Dressing Ourselves
Schwanz ab in Mailand
25.02.2005, 18:16, Text:
Jan Kedves,
Jan Kedves
Das Outfit als unmittelbarster Ausdruck des exhibitionistischen Egos: Die Ausstellung ›Dressing Ourselves‹ in Mailand zeigt von Künstlern zu Papier gebrachte Modevisionen, u. a. von Jimi Tenor und Devendra Banhart. Ein Parcours der Kuriositäten und Sabotagestrategien.
Kunstharz ist ein fragwürdiges Material. Zur Herstellung von Buchstützen oder Trockenlegung feuchter Fundamente mag es sich eignen, doch zur Nachbildung Prominenter? Hat man den Parcours der lebensgroßen ›Dressing Ourselves‹-Exponate, die seit Mitte Januar in La Triennale di Milano ausgestellt werden, durchlaufen, drängen sich Fragen auf.
Einige der Puppen in La Triennale di Milano würden allerdings auch gut in eine Ausstellung zum Thema \"Altherrenfantasien\" passen: Memphis-Veteran Ettore Sottsass präsentiert sich in einem Bademantel-Catsuit mit schwarzem Fleck im Schritt. Gegenüber wünscht sich Enzo Cucchi in einen S/M-Anzug mit gleich zwei Dildos am Handgelenk - sicher ist sicher. Alessandro Mendini fantasiert sich als Harlekin, seine Nickelbrille behält er dabei jedoch auf der Nase: der Intellektuelle als bunter Hansel. So amüsant diese \"dreidimensionalen Selbstporträts\" auch sein mögen, so fraglich bleibt, ob sie dem Anspruch der Ausstellung, die Reflexion über den \"Stellenwert der Kleidung in der Gegenwartskultur\" anzukurbeln, gerecht werden. Sie wirken eher zeitlos exhibitionistisch.
Auch Jimi Tenor und Devendra Banhart sinnieren über sich selbst: Tenor schlüpft in einen Raumfahrer-Sarkophag, Banhart schmückt sich mit Federkleid und Tigerköpfen. Zwei weitere Musiker sind es dann, die darüber nachdenken, was Kleidung überhaupt ist. Johannson Bardi, Kopf des isländischen Projekts Bang Gang, stellt sich einen Hund zur Seite - Daisy und die Jacob Sisters lassen grüßen. Ganz anders Antony, ein von Lou Reed geschätzter Sänger aus New York (siehe Text zu Antony & The Johnsons in diesem Heft): Im Ausstellungskatalog lässt er sich von einem Fuchskopf auf nacktem Adonis vertreten. Der mit Abstand radikalste Beitrag, stellt er doch zunächst einmal die Frage, warum Kleidung überhaupt den Körper verstecken und den Kopf zeigen muss.
Im Museum selbst ist Antony allerdings kaum wieder zu erkennen: Zwei Tage vor Eröffnung habe er seine Vision komplett revidiert, hieß es im Januar in Mailand. Die Studenten der NABA habe er angewiesen, den Kunstharzpenis abzusägen und dafür die Brüste aufzupumpen. Last Minute Sex Change. Mit dieser Korrektur provoziert Antony nicht nur eine im Mode- und Kunstbetrieb gefürchtete Katastrophe - das Nicht-Übereinstimmen von Katalog und Produkt bzw. Exponat -, er weist auch darauf hin, dass die strikte Trennung von Men's und Women's Wear halbjährlich die Gendercodes reproduziert, die Menschen wie ihn in Identitätskrisen stürzen. Ob die ›Dressing Ourselves‹-Organisatoren ihn noch zur Teilnahme eingeladen hätten, wenn sie das geahnt hätten?
›Dressing Ourselves‹, La Triennale di Milano,bis zum 20. März, www.triennale.it, www.yoox.com
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