
Fatih Akin
Im Angesicht des Todes
10.09.2007, 12:20, Text:
Dietmar Kammerer, Foto: Arne Sattler
Mit dem ersten Teil seiner \\"Liebe, Tod und Teufel\\"-Trilogie gewann Fatih Akin den Goldenen Bären. Das Mittelstück \\"Auf der anderen Seite\\" wurde dieses Jahr in Cannes fürs beste Drehbuch ausgezeichnet. Der Ensemblefilm verknüpft Schicksale zwischen Hamburg und Istanbul, zwischen Privatsphäre und Politik. Dietmar Kammerer nutzte Fatih Akins kurze Pause vom Unterwegs-Sein für ein Treffen in Berlin.
Manche Zuschauer wird AUF DER ANDEREN SEITE überraschen. Es geht bedeutend ruhiger zu als noch in GEGEN DIE WAND, der Film erzählt sehr bedächtig von ziemlich dramatischen Ereignissen. Woher kommt dieser neue Ton?
Das hat was mit Älterwerden zu tun. Ich war 29 während der Dreharbeiten zu GEGEN DIE WAND, und noch jünger, als ich den Film geschrieben habe. AUF DER ANDEREN SEITE habe ich gedreht mit 33 Jahren. Ich glaube, da liegen generell entscheidende Jahre der Wende dazwischen, für jeden.
Ganz abgesehen davon, dass du in der Zeit auch noch Vater geworden bist.
Ja, und ich bin Vater geworden! Mit GEGEN DIE WAND kam zudem der internationale Durchbruch. Da beginnt man als Filmemacher zu reflektieren, sein eigenes Werk noch einmal in Frage zu stellen und man versucht, mal was anderes zu machen. So hat sich das, glaube ich, ergeben, als eine Mischung aus all diesem.
Einiges ist unterdessen erkennbar gleich geblieben. Auch AUF DER ANDEREN SEITE handelt von Protagonisten, die ständig unterwegs sind: im Bus, in der Tram, auf der Fähre oder im Auto.
Bewegung war zentral für unser Konzept. Der Film handelt vom Unterwegs-Sein. Ich glaube, alle meine Filme haben etwas mit solchen Bewegungen zu tun - vielleicht, weil ich selbst jemand bin, der sich viel bewegt, zwischen Deutschland und der Türkei und überhaupt auf der Welt.
Der Film endet dann mit einem langen Blick auf den Horizont.
In GEGEN DIE WAND war der Raum noch eng. Der neue Film spielt sozusagen \\"hinter der Wand\\", in der Weite, in die der Mensch gestellt ist. Auch die Identität der Figuren ist eine in Bewegung. Also etwas völlig anderes als eine Identität, die ihre \\"Wurzeln finden\\" muss.
AUF DER ANDEREN SEITE ist der zweite Teil deiner \\"Liebe, Tod und Teufel\\"-Trilogie. Zwei der Hauptfiguren müssen sterben. Dennoch ist der Film alle andere als deprimierend.
Der Tod im Film muss ja nicht immer so behandelt werden wie bei Ingmar Bergman. Das \\"Siebente Siegel\\" ist das ultimative Werk über den Tod - völlig depressiv, schwarz und hoffnungslos. Ich wollte etwas anderes. Nicht etwa dem Zuschauer, und auch mir selbst, die Angst vor dem Tod nehmen, oder so etwas. Sondern das Tabu vom Tod angreifen, seine schwarze Seite. Deshalb ist der Film voller Licht. Wir haben ihn im Sommer gedreht, mit der Sonne im Rücken. Das war eine der ersten Entscheidungen: Einen Film über den Tod zu drehen und ihn sehr hell zu machen, lebensfroh. Im Sinne von: Im Angesicht des Todes ist das Leben am stärksten.
Der Film kündigt den Tod der beiden Frauen zwar an, wir werden dann aber doch von ihm überrascht. Er kommt immer anders, als man geglaubt hätte. Sehr plötzlich und gewissermaßen sehr \\"trocken\\". Ohne Kunstblut, ohne Nahaufnahme verletzter Körper.
Wir wollten die spektakulärste Thematik so unspektakulär wie möglich erzählen, um es glaubhaft zu machen. Es passiert ja irre viel im Film, alle fünf Minuten etwas neues. Und dann sterben auch noch zwei Hauptfiguren. Wie erzählt man all das, ohne den Zuschauer zu überfordern?
Du erzählst sehr pointiert, indem du Ereignisse auf ihr Wesentliches reduzierst. Wie wichtig war der Schneidetisch für den Film?
Wir haben in Cannes ja ironischerweise den Preis für das beste Drehbuch bekommen. Dabei ist das eigentlich der Preis für den besten Schnitt, weil das Skript ganz anders war als der fertige Film. Ich musste mich beim Schnitt von sehr vielem trennen, auch von Szenen, an denen mein Herzblut hing. Ich habe am Ende die Dramaturgie des Drehbuchs komplett umgestellt.
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