
Muse
A Day At The Opera - Die Listening-Session
04.05.2006, 14:22, Text:
Peter Flore
Muse sind wieder da. Im Juli erscheint das neue Album \"Black Holes And Revelations\" (nach neusten Erkenntnissen heißt es so) - und es ist das vierte, rechnet man die Live-Retrospektive \"Hullaballoo\" nicht mit. Matthew Bellamy, Chris Wolstenholme und Dominic Howard baten Mitte April zahlreiche Pressevertreter zur Listening Session ins schmucke Schloss Bensberg am Rande Kölns. Ein würdiges Ambiente, denn Muse sind seit Neuestem nicht mehr die Internatsschülerversion von Radiohead sondern singen nun böhmische Rhapsodien, wie sich im Folgenden herausstellte. Intro hat es für euch protokolliert.
Es beginnt mit der gewohnt großen Geste: Synthie-Bombast eröffnet das neue Album, ein dramatisch sich in höchste Höhen steigerndes Crescendo, in dem uns nur Bellamys Gesang auf den Boden zurückholt.
Wo es eine zweite Single gibt, muss es eine erste geben und die bestätigt nun endgültig, dass es Muse dieses Mal ernst meinen: \"Supermassive Black Hole\" ist ein Heavy-Funk-Monster und stampft auf dicken Tatzen über den Dancefloor. Matthew Bellamy gibt den Prince, singt \"Uh yeah\" und \"baby\". Hatte man von Muse trotz langer und breiter Diskussionen im Netz nicht erwartet, man darf gespannt sein, ob das als Single funktioniert. Zumindest, wenn man nicht Prince heißt. \"Map Of The Problematique\" macht da weiter, wenn auch nicht ganz so offensichtlich und mit der Brechstange. Auch hier überraschen die sorgsam arrangierten, aber dezenteren Chöre und Space-Synthies, die fast ein bisschen Depeche Mode zwischen den Zeilen schimmern lassen.
Und weiter geht's im bunten Reigen: \"A Soldier's Poem\" beschreitet nicht nur musikalisch mit seinen Jazz-Besen und dem Barbershop-Gesang Neuland, auch textlich ist es der erste explizit politische Song aus der Feder von Matthew Bellamy, in dem er den Alltag eines Soldaten im (Irak-)Krieg beschreibt. Ein kurzer Song, wohl auch, weil das folgende \"Invincible\" in der Frühphase noch den zweiten Teil stellte, der nun aber autonom steht. Man merkt das noch inhaltlich, weil er durch einen Marschrhythmus eingeleitet wird, so den Brückenschlag wagt und sich zum Ende hin immer mehr steigert. \"Tonight we can truly say: Together we're invincible\". Ein Liebeslied, womöglich.
Als ob das alles nicht schon genug wäre, überfällt uns hernach ein wahres Speed Metal-Riff mit System Of A Down-Gütesiegel. \"Assassin\" klingt eingangs so brutal, wie der Titel es andeutet, das kurze Keyboard-Intro erinnert an selige Videospielzeiten, an einen NES-Endgegner, und ist ähnlich dramatisch. Als Sahnehäubchen dann die beste Queen-Interpretation seit Jahren: Die Vocalperformance ist fast schon ein bisschen frech.
\"Exo Politics\" beschreibt die Interaktion zwischen Politik und außerirdischer Intelligenz und bietet zudem Raum für allerlei krude Verschwörungstheorien. Eine Art Steckenpferd von Bellamy, das auf einem lupenreinen Franz Ferdinand-Riff galoppiert. Womöglich in New York in der Disco gehört.
\"City Of Delusion\" reitet dann auch, allerdings in den Sonnenuntergang. Eine Flamenco-Gitarre, Geigen und nicht nur ich notiere mir \"Morricone!\" in mein Notizbuch. Während man sich fragt, wo das alles enden soll, schon die Gewissheit: Das war wieder nur der Anfang, der folgende Track \"Hoodoo\" verbindet TexMex-Einflüsse irgendwie mit Rachmaninow, wie ist mir noch immer schleierhaft, aber so überbordend geht das heute zu, bei Muse. Und, um nicht missverstanden zu werden: Das ist schon größtenteils fantastisch. Daran kann auch das abschließende \"Knights Of Lydonia\" nichts mehr ändern, das wiederum den kleinsten gemeinsamen Nenner Queen bemüht. Breit angelegte \"Ahhs\" im Refrain, ein doppelt und dreifacher Matthew Bellamy. Mein Schweizer Kollege notiert angesichts der Reiter-Gitarren zu Beginn gar \"Iron Maiden\", aber das ist des Guten doch etwas zu viel. Man kann es auch übertreiben.
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