B-52s / Simon Reynolds

Das Salz in der Suppe

15.02.2008, 17:51, Text: Wolfgang Frömberg, Foto: Justin Winz und George DuBose

Nach all den Jahren noch mal eine neue Platte der B-52's? Wolfgang Frömberg traf die Postpunk-Veteranen in Paris. Dort erfuhr er, wie glücklich Kate, Cindy, Fred und Keith mit ihrem \\"Funplex\\" sind. Und er sprach in Köln mit Pophistoriker Simon Reynolds über dessen Verhältnis zu alten Helden und zeitgenössischen Bands. War früher alles besser?


Als 1973er-Jahrgang hat man Punk verpasst. Man wurde von der großen Schwester wegen Postpunk bzw. Synthiepop gehänselt, schämte sich für Eltern, die als Streikbrecher unterwegs waren, statt Ende der 60er auf die Barrikaden geklettert zu sein - und musste sich vom Opa erklären lassen, dass man es als kleines Licht im Dritten Reich nicht einfach gehabt habe. Eventuell, möchte der Autor dieser Zeilen betonen, ist es so gewesen. Eventuell. Und wen interessiert's? Schließlich bildet das Persönliche im Text längst keine scharfe Waffe mehr im Kampf gegen ignorante Worthülsendrescher.

Allzu zwangsläufig seit den Zeiten des New Journalism und Hunter S. Thompsons Idee, als Autor verändernd in die Geschichte einzugreifen, ist die Ich-Erzählung im Rahmen der Popkritik zum Bekennerschreiben aus den Privatsphären zahnloser Großmäuler mutiert. Also trotz der Gefahr, in eine weitere Falle der Beliebigkeitsprosa zu tappen, noch mal der Hinweis auf Eventualitäten: Es könnte seit 1973 auch ganz anders gelaufen sein. Schließlich möchte selbst ein 73er kein Kulturpessimist sein.
Aber warum dünkt es nicht nur dem Autor dieser Zeilen, sondern ebenso einem versierten Popkulturanalytiker wie Simon Reynolds - Jahrgang 1963 -, die Entwicklung in den einzelnen Genres der Popmusik habe sich verlangsamt? Wieso hat den Verfasser von \\"Rip It Up And Start Again - Postpunk 1978-1984\\" seit Langem nix mehr vom Hocker gehauen, wie er in Köln unter vier Augen erklärte?

Schuld an Reynolds' Sentiment - gegen das er tapfer im eigenen Blissblog kämpft, den er mal wegen seiner Faszination für Grime aus der Taufe hob - könnte eine gewisse Routine sein, die wohl jeden ereilt, der sich über einen längeren Zeitraum mit den Produkten der Popkultur beschäftigt. Mit dem ganzen Ramsch, der im besten Fall das Leben überhaupt erst ermöglicht hat, das er dann zerstört. Am schlimmsten ist die professionelle Routine. Die Spätgeborenen sind nicht nur dazu verdammt, Preissteigerung, Klimawandel und den Ausbau der Festung Europa mitzuerleben.

Wir sind auch Zeugen der totalen Verausgabung von Heldinnen und Helden, die durch das Starsystem seit den Sixties - und allen Konkurrenzsystemen aus Gegenstrategien - zu aufgeschwemmten Ikonen wurden. In jeden Eimer voller Eiswasser aus den diversen Haifischbecken dieser Welt hat man sie getaucht. Nun wringen sie sich bis zum letzten Tropfen aus, weil der Schweiß ihres Angesichts das Einzige ist, was sie neben ihrem Backkatalog - lukrativ, wenn man die Stones ist, und weniger lukrativ, wenn man The Fall ist - noch zu Markte tragen können. Wer nicht stirbt, schwitzt weiter. Weshalb man sich um jene sorgt, von denen man nichts hört.

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aus Intro #158 (März 2008)
 
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