
PJ Harvey
Saitenwechsel
18.09.2007, 17:00, Text:
Heiko Hoffmann, Foto: Heiko Hoffmann
PJ Harvey behauptet von sich selbst, kein Klavier spielen zu können. Das hat die britische Musikerin jedoch nicht davon abgehalten, mit 'White Chalk' gleich ein ganzes Album mit diesem Instrument einzuspielen. Herausgekommen ist ihre bislang intimste Platte. Für uns Anlass, Heiko Hoffmann zum Exklusivinterview in ihren Heimatort zu schicken.
Abbotsbury liegt in der englischen Grafschaft Dorset. Die Bezeichnung Dorf wäre für die Ansammlung von Häusern entlang einer Durchfahrtsstraße fast schon übertrieben. Ein paar Wohnhäuser gibt es hier, einen Laden, der vor allem Sonnenmilch und Strandschippen für Touristen verkauft, und einen Pub. In dem ist Polly Harvey an diesem Wochentag im August einer der wenigen Gäste. Ganz in der Nähe ist die mittlerweile 37-Jährige aufgewachsen, und hier lebt sie nun nach Aufenthalten in London und zuletzt Los Angeles auch wieder.
Fast vier Jahre hat PJ Harvey an ihrem neuen Album 'White Chalk' gearbeitet, so lange wie noch nie. \"Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um den richtigen Sound zu finden\", sagt Harvey. \"Vor allem ging es mir darum, mich musikalisch nicht zu wiederholen.\" Über 50 Songs sind im Laufe der Zeit für ihr bislang achtes Album entstanden. \"Am Ende habe ich die Stücke ausgewählt, die für mich am wenigsten mit dem, was ich bisher gemacht habe, zu tun hatten.\"
Dass die elf Songs von 'White Chalk' tatsächlich einen offensichtlichen Wandel in PJ Harveys Karriere markieren, liegt vor allem an einem Wechsel der Instrumente. Die E-Gitarre, von der Steve Albini einmal bemerkte, dass Harvey sie einzusetzen wisse wie kaum jemand anderes, spielt auf dem neuen Album keine Rolle mehr. Stattdessen hat sich Polly Harvey mit dem Klavier bewusst für ein Instrument entschieden, das sie nicht beherrscht: \"Ich würde nie von mir behaupten, dass ich eine Klavierspielerin bin. Aber das Instrument half mir, mit Gewohnheiten zu brechen. Ich musste ganz neu überlegen, was ich eigentlich machen wollte.\"
Die Songs, die PJ Harvey mit den Ko-Produzenten Flood und John Parish, mit denen sie bereits 1995 für 'To Bring You My Love' zusammengearbeitet hatte, aufnahm, klingen viel entrückter und intimer, als man es von ihr gewohnt ist. Auch ihr Gesang unterscheidet sich merklich. Auf 'White Chalk' gibt es keine tiefen Blues-Schreie, Harvey klingt deutlich weniger konfrontativ. Dafür ist eine sehr helle und hohe Stimme zu hören, die zerbrechlicher und jünger wirkt und auch ein wenig so, als sei sie nicht von dieser Welt. \"Ja, das ist so was wie meine Weihnachtsliederstimme\", sagt Polly Harvey und lacht. \"Ich wollte damit eine eher ätherische Atmosphäre erzeugen, etwas, das nicht einer bestimmten Zeit zuzuordnen ist. Außerdem passt die Stimme zu der eher kindlichen Herangehensweise bei diesem Album, Dinge neu entdecken zu wollen.\"
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