Animal Collective/Broken Social Scene

Der Geist des Kollektivs

[Allein machen sie dich ein]

16.08.2007, 10:00, Text: Martin Büsser, Martin Büsser, Foto: Lena Böhm

Der Kollektiv-Gedanke erfährt in der Musik seit einigen Jahren eine Renaissance. Alternative Netzwerke als Basis für einen ästhetischen, politischen und musikalischen Gegentrend zum sonstigen Konsens in der Musikindustrie. Martin Büsser befragte Animal Collective und Kevin Drew von Broken Social Scene anlässlich der neuen Alben für Intro zu ihrem Verhältnis zum Kollektiv.

Der Begriff des Kollektivs ist unmittelbar mit 1968 und dessen Folgen verbunden - mit Kommune 1, freier Liebe und dem gemeinsamen Kühlschrank für alle. Mit sozialen Experimenten also, die gemeinhin als gescheitert betrachtet werden. So etwas eignet sich höchstens noch als Stoff für Retro-Filme zum Ablachen oder Kopfschütteln. Wer in der Bachelor-Generation aufwächst und alleine schon aufgrund immenser Semestergebühren dazu gezwungen ist, das Studium innerhalb von zwei Jahren zu beenden, wird schwer nachvollziehen können, dass es einmal eine Generation von Studenten gab, der die Suche nach alternativen Lebenskonzepten wichtiger war, als Scheine zu sammeln. Glaubt man den heutigen Medien und Uschi-Obermayer-Filmchen, war das Kommunarden-Gebaren von einst vor allem eines: unglaublich naiv, pubertär, ja geradezu hysterisch. Am Ende siegte daher fast immer die Vernunft in Form der bürgerlichen Ehe.


Abgesehen davon, dass viele Kollektiv-Ansätze tatsächlich daran gescheitert sind, dass sich doch jemand - in den meisten Fällen waren das Männer - als Oberhaupt aufspielen musste, scheint der heutige Reflex des Lächerlich-Machens Methode zu haben: Damit die rigiden, in den meisten Bundesländern bereits durchgesetzten Studienbedingungen nicht für einen kollektiven Aufruhr sorgen, muss die Idee der Gemeinschaft gegenüber dem Einzelkämpfertum permanent diskreditiert werden. Stereotype Witze über endlose \\\"Ey du\\\"-Diskussionen unter filzigen Sozialarbeiter-Typen tragen ihren Teil dazu bei, dem Kollektiv ein uncooles Image zu verpassen.

Umso interessanter, dass der Kollektiv-Gedanke in der Musik seit einigen Jahren eine Renaissance erfahren hat. Von Weird-Folk-Gruppen wie The No-Neck Blues Band über Label-Zusammenhänge wie Constellation sind alternative Netzwerke entstanden, die der Musikindustrie ästhetisch wie musikalisch zu trotzen versuchen. Geben solche Kollektive einen Leitfaden für die politische Praxis in die Hand? Werden hier auf dem ästhetischen Feld neue Protestformen ausprobiert, oder entpuppen sich solche Kollektive letztlich doch nur als Hippie-Nostalgie und Flucht in die Wälder? Antworten hierauf geben bzw. verweigern Animal Collective (vertreten durch Panda Bear [PB], Avey Tare [AT] und Geologist [G]) und Broken Social Scene (vertreten durch Kevin Drew [KD]), die beide mit einem Kollektiv-Ansatz auftreten oder doch zumindest damit assoziiert werden. Zudem handelt es sich bei beiden Gruppen um einen losen Verbund aus Freunden, der Solo-Aktivitäten und Seitenprojekte nicht ausschließt. Der Einzelne soll sich hier nicht dem Kollektiv unterordnen - kein halbwegs vernünftiger Mensch trauert schließlich Pol-Pot-Strategien oder der Mühl-Kommune nach -, sondern es als Individualist bereichern.

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aus Intro #153 (September 2007)
 
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