Beastie Boys

Wir sind eben Lügner

16.07.2007, 06:00, Text: Heiko Behr

Die Beastie Boys sind unantastbar. Waren es schon immer. Aufgrund ihrer komplexen Mixtur aus Stylertum, Avantgarde, Humor, Zugänglichkeit, Identifikationsfläche und New-York-Zugehörigkeit. Ach ja, und der immer geilen Musik. Aber stimmt das alles so noch in 2007? Ein Versuch der Annäherung an das Phänomen.

Wir stehen im Regen. Buchstäblich. Im Hinterhof des Kölner E-Werks drängelt sich eine Handvoll Journalisten unter einem kleinen Dach. Zwei sind extra aus Belgien angereist. Ein Reporter von RTL2 klappt immer wieder einen silbernen Koffer auf, in dem sich Ad-Rock, MCA und Mike D in stoischer Puppenpose befinden. \\"Ich bin der größte Fan der Beastie Boys in ganz Köln. Mindestens\\", sagt er. Und: \\"Dieses Sammlerstück kostet eigentlich 2000 Dollar.\\" Er will die drei vor laufender Kamera gleich mit ihren Puppenebenbildern spielen lassen. Wir sind uns alle einig, die Idee ist ebenso großartig wie idiotisch. Natürlich werden die Beastie Boys das mitmachen.


Dann fährt auch schon ein schwarzer Nightliner vor, Michael Diamond (a.k.a. Mike D), Adam Horovitz (a.k.a. Ad-Rock) und Adam Yauch (a.k.a. MCA) staksen sichtlich geschafft ins E-Werk. Wir bleiben im Regen stehen und warten auf unsere Audienz. Ein Begleiter der Band kommt auf uns zu, verzieht das Gesicht zur Fratze und zeigt uns den Mittelfinger. Meint der das ernst? Er grinst breit: \\"Bitte keine Fotos, meine Frisur sitzt nicht!\\" Dann dreht er ab und verschwindet im Bauch des Backstagebereichs. Ein bezeichnender Moment. Wer sich mit den New Yorkern und ihrem Umfeld auseinandersetzt, kann nie ganz sicher sein: Werden wir hier gerade gehörig verarscht? Mit einem Witz, der auf unsere Kosten geht? Spielen die drei mit unseren Erwartungshaltungen? Oder zitieren sie gerade eine Band, die Journalisten verarscht? Oder ignorieren sie all das genüsslich? Sind sie gar - Himmel hilf! - sie selbst?

Spätestens seit ihrem Spike-Jonze-Video \\"Sabotage\\" galten die drei als unerreichte Verkörperung der Coolness New Yorker Prägung. Sie parodierten halbtrashige Seventies-Serien wie \\"Starsky & Hutch\\" oder \\"Die Straßen von San Francisco\\", kleideten sich wie muffige alte Männer und verknüpften ihren ewigen Oldschool-HipHop mit verzerrten Bässen und bratzigen Gitarren. In ihren Texten boten sie zahlreiche popkulturelle Referenzen an. Clever, aber nicht zu clever. Intelligent, aber nicht intellektuell. Ihre Punk-Vergangenheit spiegelte sich dazu in ihrem eher hemdsärmeligen Reimstil wider - elegante Flower waren sie nie. In diesem Zusammenspiel der Zeichen, in ihrer Mischung aus urbaner Distanz und kleinstädtischer Nähe boten sie die perfekte Identifikationsfolie an: die drei coolen Cousins aus der Großstadt, denen man gern nacheifert. Die man zwar nie erreicht - aber fast, Secondhandläden gibt es mittlerweile auch in Kleinstädten. Eine Selbstermächtigung der DIY-Coolness. Allerdings: Das ist jetzt auch schon dreizehn Jahre her.

Zurück ins E-Werk in Köln. Endlich sitzen vier Journalisten den dreien gegenüber - in der Küche des Backstagebereichs. In einer Stunde wollen sie ihre \\"exklusive Instrumental-Show\\" geben. Ad-Rock trägt seinen Italienischer-Mini-Ganster-Hut tief ins Gesicht gezogen, Mike D einen Pseudo-Afro, der wie eine Perücke aussieht - aber eben keine ist -, und MCA sieht müde und alt aus.

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aus Intro #152 (August 2007)
 
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