Arcade Fire

Medien, Klimakatastrophe, Terror, Tod, Teufel. Und MTV

26.02.2007, 06:00, Text: Dana Bönisch

Der Tag des großen Sturms: Fernsehreporter wanken breitbeinig vor und zurück, Bäume knicken, Sirenen heulen, Lastwagen kippen. Mit letzter Kraft wirft sich ein kleiner Kurier in den Flur: “Unterschreiben”, japst er und drückt mir das Päckchen in die Hand. So kommt das lang ersehnte zweite Arcade-Fire-Album ins Haus, und wenig später wird klar: Keine Szenerie wäre angemessener gewesen.



Neon Bible” ist ein absolutes Endzeit-Manifest, dessen rabenschwarze Texte allerdings permanent von einem fünf- bis zehnstimmigen Orchester, von Bläsern, einem Leierkasten, Handclaps, den Final Fantasy-Geigen, einer gigantischen Kirchenorgel, Abba’esken Sopranen und einem Budapester Militärchor durchkreuzt werden. Wenn uns das 21. Jahrhundert schon fressen wird, stolzieren wir eben als Marchingband in seinen schwarzen Rachen.
Schon “Black Mirror”, der Eröffnungstrack, gibt die Richtung vor: Zunächst einmal ist das brausende Intro nicht von dem Sturm da draußen zu unterscheiden. Dann schält sich Win Butlers Stimme aus dem Inferno: “I know a time is coming, all words will lose their meaning.” Bis hierhin erinnern die Lead-Vocals ein wenig an das “Phantom der Oper”, das spiegelzertrümmernd durch seine Unterwelt flitzt (minus Lloyd-Webber’sche Schmalzigkeit), dann folgen die passende Orgel und weitere Grusel-Chiffren einerseits, die eher unmetaphorischen Zeichen der Zeit andererseits: “Security Cameras”, “Holy War”, “Giant Waves”. “Liedtexte sind für mich wie bildende Kunst oder ein Modern-Dance-Stück zu betrachten”, sagt Drummer Jeremy Gara. “Ich kann sie nie ganz in Bedeutung übersetzen, bleibe aber mit einem sehr deutlichen Eindruck eines Gefühls zurück. Manche Texte auf dem neuen Album sind mir selbst unheimlich. Einige arbeiten dabei ganz offensichtlich mit Ängsten, andere indirekter; so ungefähr: beschreiben, was vor dem Fenster ist, versus beschreiben, was du denkst, das vor dem Fenster auf der anderen Seite des Raumes sein könnte. Und vor dem Fenster sind Nachrichten auf einem TV-Bildschirm oder ein gigantisches Billboard oder so was.” Alles klar. Medien, Klimakatastrophe, Terror, Tod, Teufel. Und MTV (“what have you done to me?”) reimt sich sehr schön auf World War Three (“it’s coming for me!”).
Arcade Fire sind eine dieser Bands, die gerne genannt werden, wenn es darum geht, wie Musik in den Zeiten des Internets funktionieren kann: auf Schleichwegen um die Musikindustrie herum groß geworden, die schon seit längerem keine Schleichwege mehr sind. Die Kanadier, liebevolle Ausstatter der vielleicht weltschönsten Band-Homepage, persiflieren das System Web 2.0 indes selbst gern. Win Butler behauptete in seinem Blog, die Songauswahl für “Neon Bible” habe man getroffen, indem man hundert Fake-Bands auf MySpace gegründet, neue Arcade-Fire-Songs in die Profile geschleust und die beliebtesten wieder rausgesiebt habe. Gitarrist Richard Reed Perry inszeniert sich auf einer eigens eingerichteten Seite derweil als Homeshoppingkanal-Anpreiser: “Are you tired of the music of the 70s, 80s, 90s and today? Do you remember the times before the internet? Do you remember how music used to make you feel? Call 1-886-NEONBIBLE to make you feel that way all over again ...”
Perverserweise funktioniert die Werbungsparodie auch noch so, wie sie nicht sollte: Ein paar dramaturgisch wirkungsvoll hintereinandergeschnittene Liedsequenzen, ein paar blöde Phrasen – schon haben sie mich. Interessant ist das vor allem, weil dieses Album in Wirklichkeit lange braucht, um sich zu entfalten: Anders als bei “Funeral” ist hier ein bisschen mehr Hartnäckigkeit gefragt, ehe sich Hörer und Platte vertraut werden. Oder ist das jetzt bloße Einbildung, nachdem das Debüt mit dem fiebrigen Bassdrum-Herzschlag uns so sonderbar erwischt hatte, dass es quasi Teil unserer Biografie geworden ist? (Quelle: Befragungen von Freunden und jeder zweite Indie-Blog, vielleicht sogar jeder) Wer tanzte nicht schon alles völlig entrückt zu “Rebellion (Lies)”? Mindestens du und unzählige weitere vernarbte Seelchen und David Bowie waren dabei. Der zumindest wird als großer Arcade-Fire-Fan gehandelt.

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aus Intro #147 (März 2007)
 
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