The Rapture

Hitzefreiheit

21.08.2006, 06:00, Text: Sandra Grether

Auf ihrer neuen Single “Gonna Get Right Into It” klingen The Rapture so, als hätten sie alle treibenden Sounds der letzten Jahrzehnte verschmolzen zu einer “chance of a lifetime”: Grunges Spirit und Raves Schlachtrufe, Primal Screams Crossover-Fähigkeit und die dunkelsten Momente des 80s-Revival explodieren, als würde ein Kind mit einem Strohhalm an einer Brauselimonade, Marke Capri-Sonne, nuckeln, in die das wild-neoliberale Amerika der Gegenwart Inhaltsstoffe aus Ecstasy reingeschmuggelt hat. Sodass man, noch bevor das zweite Album “Pieces Of The People We Love” ausgelaufen ist, versteht, worauf dieser Sound hinauswill: “Es ist der Sound einer Party, zu der ausnahmslos jeder eingeladen ist”, wie die Band betont.

Das Zittern, die Angst vorm Kreislaufkollaps, die Sinnesverwirrung von drei Tagen erster Kurztournee mit meiner Band nach zwei Jahren Pause noch in den Knochen, stolpere ich mit Raptures smashigem Pop-Funk, der vom Dunkeln was weiß, meinem Interviewtermin entgegen. Ich kann kaum fassen, wie brutal ihr neues, zweites Album “Pieces Of The People We Love” heute meine Stimmung trifft. Eine zart verschlungene Mischung aus desolater Party-Überdrehtheit, Erschöpfungsschock, stummer Euphorie und dumpfer Zuversicht; immer in der Gewissheit: Die nächste Depression, die wird so düster, die mach ich einfach mal nicht mit – die muss auf der Stelle und koste es, was es wolle, und also schon im Vorhinein abgewatscht und in etwas anderes, Angenehmes, verwandelt werden.




Im Moment geht es aber noch um Fetzen von Erinnerungen, die sich in der Hitze der Stadt wie von selbst verflüchtigen – denn das Einzige, was man wirklich fühlt bei 38 Grad im Schatten, ist sowieso nur diese ständig alles Bewegliche auflösende Wärme. Außerdem hat der Sommer in Berlin das Tram-System offenbar lahm gelegt, und man muss mal wieder auf einen Ersatzbus ausweichen. “Live In Sunshine / I‘ll Be There” tönt da der psychedelischste Track dieses Hammeralbums aus den Kopfhörern – eine Entsprechung dazu ist vielleicht “Shine Like Stars” von Primal Screams “Screamadelica” –, so elegisch und sanft jenseits von hysterischem Dancefloor-Glück, dass man meint, The Rapture hätten sich mit ihrem neuen Album nicht nur selbst neu erfunden, oder vielmehr ge-funden, und das währenddessen auch noch ein paar weitere Male. Oder ist das Teil des Spiels um den ganz großen Wurf? Na, der ist ihnen auf jeden Fall gelungen. Und die Frage ist: Wie? Wie haben sie das gemacht, mal so eben ein ohne Frage innovatives, eingängiges Album vorzulegen, als hätte man es weder mit einer Platte voller Zitate noch mit einer New Yorker Band voller THEs, noch mit Punk-Electronica zu tun? Das Meisterwerk der Bewegung drei Jahre nach dem Hype?!? Und was machen wir jetzt damit? Dass uns mitten im Sommer so ein hybrider Post-Punk-Party-Funk kalt erwischt? Erst mal durchatmen. Don’t believe the hype, trust your heat!

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aus Intro #142 (September 2006)
 
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