Scritti Politti

Stilles Comeback

22.05.2006, 08:00, Text: Thomas Venker
[4 Kommentare]

29 Jahre ist es her, dass Tom Morley und Green Gartside, zwei Londoner Kunststudenten, Scritti Politti ins Leben riefen. Das Projekt, geschult und gelebt zwischen besetzten Häusern und soziologischen und philosophischen Diskursen, entwickelte sich rasant von Punk über arty, Reggae- und Funk-inspirierten Postpunk hin zu dem, was als 1982er-Pop in die Geschichte eingehen sollte: “Songs To Remember” hieß das soulfule Intellektuellen-Pop-Manifest des Jahres. Danach trennten sich die Wege der Protagonisten, Gartside arbeitete allein – und mit immer größeren Abständen zwischen den Lebenszeichen – weiter am steten Wandel von Scritti Politti: über Synthie-Pop und HipHop hin zum aktuellen puristischen Gitarrenpopalbum “White Bread Black Beer”.




[Green Gartside schaut interessiert den iPod mit Mikrofon zum Aufnehmen an]
Man kann wahrscheinlich die Epochen deiner Musik, bedingt durch die langen Phasen zwischen den Alben, an den Aufnahmegeräten festmachen, die die Journalisten benutzen: vom Taperecorder über Minidisc zum iPod.

Könnte man meinen, aber viele benutzen lustigerweise noch immer dieselben Geräte. Gestern habe ich beispielsweise den alten Sony-Walkman gleich zweimal wiedergesehen.

Du hast deinen ersten Liveauftritt nach 26 Jahren ja still und heimlich in einem Pub in Südlondon durchgezogen, unter dem Pseudonym Double G And The Traitorous 3. Andere hätten sich bei einem solch legendären Status, wie ihn Scritti Politti genießen, eine hochdotierte Comebacktour buchen lassen. Wieso so?
Das liegt ganz simpel daran, dass mir die ganze Scritti-Politti-Sache noch immer etwas unangenehm ist. Vor allem, was das Livespielen angeht: Ich war mir nicht sicher, ob ich es mögen würde, ich war mir nicht sicher, ob es funktionieren würde – deswegen bot sich der andere Name an. Ich muss sagen, dass es zwar musikalisch noch nicht perfekt hingehauen hat, da wir noch nicht so erfahren sind, aber es hat Spaß gemacht. Von daher werden wir wohl ziemlich bald zu Scritti Politti werden.

Und die Band hast du passenderweise in den Pubs Hackneys, dem Londoner Viertel, in dem du derzeit lebst, gecastet. Unprätentiöser geht es nicht mehr. Ein Freund unseres Autors Alex Major, der deinen ersten Gig Anfang Januar für intro.de besuchte, hat dich nach dem Konzert angesprochen, erfuhr, dass du einen Keyboarder suchst und hatte schnell den Job (samt dem des Backgroundsängers). Bist du eine unkomplizierte Type?

Oh ja. Du kennst ihn? Schön ... Ja, das ist das Prinzip: Ich habe bis auf einen alle Bandmitglieder im selben Pub gefunden – den Schlagzeuger in einem vierhundert Meter weiter die Straße runter. Der Schlagzeuger ist zwanzig, die Bassistin hat nie zuvor in einer Band gespielt, sie arbeitete bisher in einem Pub hinter der Bar. Aber ich mochte sie, sie hat einen guten Musikgeschmack, und ich häng gerne mir ihr rum. Als ich mich dafür entschied, wieder live zu spielen, hätte ich auch viele großartige Musiker aus Amerika für hohe Schecks einfliegen lassen können, aber das wollte ich nicht: Ich wollte mich mit Leuten umgeben, die ich mag.

Kam es wegen dieses Gefühls, dass es sozial hundert Prozent passen muss, auch zu den langen Pausen in deinen Karrieren?

Es war schon immer etwas komisch mit mir. Die drei Alben in Amerika waren ja sehr soziale Angelegenheiten mit sehr vielen Mitmusikern, einem großen Team. In dem Moment aber, als ich das Studio verließ, wollte ich nur noch allein sein. Erst in London hat sich das wieder geändert, statt in Isolation auf dem Lande zu leben oder in Los Angeles und New York sehr zurückgezogen, war ich plötzlich in einer belebten Nachbarschaft, die mir auch noch sympathisch war. Ich habe neue Freunde gefunden. Sie mochten mich für das, was ich bin, wir haben nie über Scritti Politti gesprochen – da sie wussten, dass ich es nicht gerne tu. Und so kam es, dass ich wieder ein Album gemacht habe, ganz allein in meinem Raum.

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aus Intro #139 (Juni 2006)
 
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  • User: Burkhard Welz
  • Burkhard Welz 08.08.2006 | 16:19:11

    ..und sehr schöne comeback, bis auf zwei drei song, die nicht ganz so gelungen sind. aber schwebt so angenehm durch das pop-universum - und berührt.

    aber dazu gabs sicher schon nen thread, oder?