
Keane
Less Hopes, more Fears
22.05.2006, 08:00, Text:
Anja Reinhardt
Die Ausstrahlung einer Band wie Keane ist ziemlich konträr zu aktuellen Popstar-Blaupausen wie den Arctic Monkeys oder Pete Doherty. Tim, Tom und Richard - allein diese Aufzählung lässt einen an fröhliche Kindergeburtstage denken - kommen aus mehr oder weniger gutem Haus, haben studiert, sind viel zu gut erzogen und äußerst bedacht darauf, bloß nicht zu blasiert zu wirken. \"Wir waren so verzweifelt darauf aus, nicht zum Rock'n'Roll-Klischee zu werden, dass wir uns bei jeder Kleinigkeit gegenseitig davor bewahrt haben, arrogant zu werden. Das ist okay, aber das bedeutete auch, dass wir uns davor bewahrt haben, den Erfolg zu genießen\", so Tim Rice-Oxley.
Zu viel Kontrolle ist eben doch nicht gut, und die aufgezwungene Bescheidenheit führte zu erheblichen Unstimmigkeiten bei Keane. Die Stimmung in der Band war irgendwann so schlecht, dass die drei kaum noch ein Wort miteinander sprachen. Was insofern schlecht war, weil sie mitten in den Aufnahmen zum zweiten Album steckten. Sänger Tom Chaplin jedenfalls hätte fast das Handtuch geschmissen: \"Jeder hat Höhen und Tiefen, aber für uns ging es echt den Bach runter, deswegen bedeutet uns das neue Album auch so viel. Als es hässlich zwischen uns wurde, war da bei jedem ein großes Loch im Leben. Die Band hat sich während der Arbeit am zweiten Album fast getrennt. Ich weiß noch, wie ich eines Morgens aufgewacht bin und dachte, dass es keinen Sinn macht, ins Studio zu gehen, weil das Album ja doch niemals erscheinen würde.\"
So klischeehaft das auch klingen mag: Die Musik hat sie wieder zusammengebracht. Und zwar mit einem ganz einfachen Mittel, wie Tim erklärt: \"Wir haben in jeden einzelnen Song alles an Frustration und aufgestauten Emotionen reingepackt. Ein ziemlich schwieriger Prozess, aber nur dadurch haben wir das überhaupt hingekriegt.\" Frustration als Katalysator steht Keane aber tatsächlich ziemlich gut. \"Under The Iron Sea\" ist deutlich kantiger und kratzbürstiger als der Vorgänger \"Hopes And Fears\", allein die Texte lassen Freud-Epigonen vor lauter Glück in die Hände klatschen. Paranoia und Neurosen in (fast) jeder Zeile. Da gibt es so viel zu deuten, dass einem ganz schwindelig wird. Was die Musik angeht, werden die Melodien weniger in die Höhe geschraubt, der Enthusiasmus ist einem deutlichen Melancholie-Überschuss gewichen. Es drängt sich der Vergleich mit den unantastbaren Radiohead auf. Finden auch Tim und Tom: \"Radiohead sind ein gutes Beispiel, die gehören zu der Sorte Bands, die immer nach vorne geschaut haben, experimenteller geworden sind, sich selbst herausgefordert und neue Ideen ausprobiert haben. Da gab es niemals Stillstand.\"
Obwohl der Vergleich mit Radiohead natürlich objektiv betrachtet etwas hinkt, muss man Keane attestieren, mit \"Under The Iron Sea\" ein Album vorgelegt zu haben, das viele ihnen nicht zugetraut hätten. Statt auf der sicheren Seite zu spielen, wird in Abgründen getaucht. Und auch wenn nicht jeder der zwölf Songs überzeugen kann - mit Stücken wie \"Atlantic\" oder \"Hamburg Song\" verabschieden sich Keane von einer leicht suspekten Gebügeltheit. Das macht aus Tim, Tom und Richard zwar noch keine Rock'n'Roll-Ikonen, aber es steht ihnen gut.
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