Blumfeld

Eine erwachsene Band

24.04.2006, 10:46, Text: Felix Klopotek

Alles kommt rein: Mit “Verbotene Früchte” veröffentlichen Blumfeld ein Album, das auf sehr gelassene Weise die unterschiedlichen musikalischen Ansätze der Band in sich zusammenfasst. Es ist ein reifes Werk, kein Alterswerk. Denn Blumfeld gehen bisweilen mit einer Unbeschwertheit ans Werk, wie sie sich am ehesten ungestüme Newcomer erlauben. Wie sie wurden, was sie sind: Intro traf Sänger, Gitarrist und Songwriter Jochen Distelmeyer zum Interview und kam mit Freunden beim Bier (Stichwort: unbeschwert) auf die Lösung, dass auch der Apfelbauer ein historisches Subjekt ist.

Er ist der Apfelmann / Er ist der Apfelmann, Baby / Hier kommt der Apfelmann” (“Der Apfelmann”)

“Verbotene Früchte” ist ein erwachsenes Album.

Das ist eine so einfache Aussage: Es ist das sechste Blumfeld-Album seit 1990, Jochen Distelmeyer feiert nächstes Jahr seinen vierzigsten Geburtstag. Wenn die Band nicht seit mindestens zehn Jahren erwachsen ist, um Himmels willen, was sollte sie dann sein?

Die nahe liegendste Vorstellung von Erwachsen-Sein ist sehr linear: Man ist jung, man wird älter, man ist gereift, hat sich angepasst und resigniert. Und ist aber auch gelassener und souveräner, weniger zwanghaft – wir müssen uns nichts mehr beweisen. So ist das, wenn man erwachsen ist.

Wer bei Blumfeld diese Linearität beschreiben will, der wird “Old Nobody” nennen, ihr drittes Album, vor sieben Jahren erschienen, nachdem sie über vier Jahre keinen Tonträger abgeliefert hatten, für das Popbusiness eine Ewigkeit. “Old Nobody” klang nicht wie die frühen Alben und markierte den Bruch, dass Blumfeld nie mehr wie früher klingen würden. Die Songs waren nun keine Tracks mehr – durch noisigen Gitarrenrock monochrom gestrichene Flächen, auf die die Texte regelrecht draufgenietet wurden –, sondern Lieder in einem einfachen, hellen Popverständnis. Seit “Old Nobody” müssen Blumfeld nichts mehr beweisen – aber nach wie vor viel erklären. Das ist ja auch etwas anderes, muss nichts zu tun haben mit dem Druck, sich profilieren, abgrenzen und selbst behaupten zu wollen.

Nun denn: “Verbotene Früchte” ist ein erwachsenes Album. Eine Aussage so sinnvoll wie: Neil Young arbeitet an seinem Spätwerk, die Arctic Monkeys sind eine junge Band, Pink Floyd haben bedeutende Alben eingespielt. Na klar. Natürlich. Sicher. Sonst noch was? Präzisieren wir: “Verbotene Früchte” ist erwachsen in einem emphatischen Sinn, es wertet die früheren Alben nicht als juvenil, als Vorstufen zu dem großen Meisterwerk, als Musik des bloßen Übergangs ab. Es ist, als ob Jochen Distelmeyer und seine Mitstreiter – allen voran Schlagzeuger Andre Rattay, denn der ist seit Anfang an dabei, während Bassist Lars Precht und Pianist Vredeber Albrecht frisch dazugestoßen sind (aber wunderbar mit den Bandgründern harmonieren) – ihre Musik in einer großen Bewegung umfassen und restrukturieren. Das Album ist keine Weiterentwicklung, kein Neuanfang, auch keine Wiederholung. Es ist eine Verdichtung von Kontinuität. Alle dreizehn Songs beziehen sich auf die Gegenwart, da gibt es keinen Moment der Nostalgie, und trotzdem ist die ganze (Song-) Geschichte der Band anwesend.

Die Lieder sind neu, der Sound ist neu, wie Distelmeyer Gitarre spielt und singt und schnalzt (“I wanna Boogie with you”, Tatsache!), ist neu, und gleichzeitig ist alles bekannt oder besser: wohlvertraut. Eine große Ruhe zieht sich durch die Stücke. Das Album ist dominiert von akustischen Gitarren, da gibt es nur wenig Verzerrtes, das Schlagzeug donnert nicht, ist umsichtig in einen weichen, nie schwammigen Mix integriert. Selbst ein Song wie “Strobohobo”, der von seiner Struktur her perfekt auf das aggressive Album “L’Etat Et Moi” gepasst hätte, wird an verschiedenen Stellen abgefedert. Hier ertönt er – der Boogie-Wunsch. Auf “L’Etat Et Moi” wäre das undenkbar gewesen. Erwachsen-Sein ist auf Blumfelds neuem Album kein Zustand, der auf Überwundenes verweist, sondern ein Prozess, der den Zugriff auf alle Momente der Bandgeschichte und darüber hinausgreifend auf verschiedene Stile, Geschmäcker und Epochen der Popgeschichte realisiert.

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aus Intro #138 (Mai 2006)
 
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