
Autechre
Gedankenspiele
21.03.2003, 13:21, Text:
Sascha Ziehn,
Sascha Ziehn
\"Hier wohnt übrigens Uri Geller, gleich da vorne die Straße rein. Der ist ja ziemlich gut mit Michael Jackson befreundet, und als ich Uri neulich mal gefahren habe, da hab' ich gesagt: 'Mensch Uri, darf ich dir mal 'ne Frage stellen?' - 'Klar, schieß los.' - 'Uri, du kennst doch den Michael Jackson ganz gut, was ist jetzt eigentlich wirklich mit seiner Haut los, der sieht ja fürchterlich aus.' - 'Das ist tatsächlich eine Pigmentstörung, die zuerst an seinem Bauch begann und sich dann immer weiter ausgebreitet hat.' - 'Aha, danke Uri.'\"
Der Taxifahrer, der mich nach meinem Interview mit Autechre von Sonning-on-Thames zurück zum Bahnhof nach Twyford, Berkshire bringt, ist purer Pop.
Twyford, Berkshire ist etwa eine Zugstunde von der Londoner Paddington Station entfernt. Vom Bahnhof abgeholt hatte mich Nick, Mitarbeiter bei der neu gegründeten Warp-Filmproduktionsfirma. Nick liebt deutsche Musik, schwärmt von Michael Mayer, Tobias Thomas, vom Kölner Kompaktladen und fragt mich nach allen möglichen Musikern aus. Und das mit einer Begeisterung, mit der Deutsche meistens über britische Musiker wie Aphex Twin, Coldplay oder The Libertines reden. Schon interessant zu sehen, was für ein Ansehen lokale Artists im Ausland genießen.
Sean Booth und Rob Brown wollten der Stadt entfliehen, also haben sie sich eine Woche in einem schnuckeligen Cottage in Sonning-on-Thames einquartiert. Außerdem ist das viel näher zu ihrer kleinen Farm, auf der sie seit einigen Jahren leben. Sonning-on-Thames sieht aus wie ein Reiseprospekt-Motiv zum Thema \"schönes Great Britain\": ein Bach mit Flussamibitionen, eine alte Steinbrücke, grünstes Gras, gegenüber der Cottage-Anlage ein edles französisches Restaurant mit selbst für England exorbitanten Preisen. Ein kleine Gruppe von Journalisten wartet in einem Hinterzimmer des Restaurants, der Kaffee wird in Silberkannen serviert, schmeckt aber trotzdem eher dünn. Ein Pariser Fotograf von Les Inrockuptibles lästert über die eigentlich sehr schöne heimelig-englische Landhauseinrichtung: \"Provinzielle Scheiße, grauenvoll ...\" Ich nippe noch mal an meinem Kaffee und werde dann von James Burton von Warp rübergeführt ins Autechre-Cottage.
Sean Booth sitzt im Schneidersitz auf dem Fußboden und dreht eine ziemlich große Zigarette. Die Powerbook-Familie liegt ebenfalls auf dem Boden. Beim letzten Interview in Köln haben Autechre mir an einem ihrer Laptops vorgeführt, wie sie arbeiten: ein Programm, das verdächtig nach einer Anwendung für Fraktalgeometrie aussieht, auf dem Desktop eine vernetzte Anordnung verschiedener Plug-ins, jeweils einzeln ansteuerbar und für meine Laienaugen vollkommen nicht nachvollziehbar. Sean Booth: \"Auf dem neuen Album geht es nicht so sehr um Software wie bei 'LP5' oder 'Confield'. Das waren eher Software-Testergebnisse. Wir haben immer die allerneuesten Plug-ins verwendet, waren täglich im Netz auf der Suche nach neuen Programmen. Das hörte man der Musik an, es war eher eine Art Versuchsanordnung. Auf 'Draft 7:30' haben wir fast ausschließlich mit Programmen gearbeitet, die wir beherrschen. Wir wollten die Musik wieder stärker in den Vordergrund rücken.\"
Es ist mein drittes Treffen mit Sean Booth und Rob Brown. Unser erstes Interview war furchtbar. Beide waren extrem bekifft, launisch, gelangweilt und nicht besonders auskunftswillig. Das zweite hingegen war fantastisch, eine Diskussion über die Grundbedingungen von Musik überhaupt: Mathematik, Physik, die Voraussetzungen der Tonerzeugung. Booth und Brown sind Theoretiker, die genau diese Grundbedingungen von Musik in Frage stellen und die Ergebnisse dieser Dekonstruktion für ihre Musik nutzen. Genau das ist es, was mich auch diesmal interessiert: die Dekonstruktion von Musik, die seit \"LP5\" bei Autechre im Vordergrund steht. Sean Booth erzählte mir mal, dass er in der Schule einen fantastischen Mathe- und Physiklehrer gehabt habe, der ihm die Schönheit von Geometrie nahe brachte - was für die Musik von Autechre später eine große Rolle spielen sollte.
Sean Booth: \"Jede Musik basiert auf Mathematik. Hör dir Acid House an. Wenn man das hedonistische Moment rausdividiert und die Nebenbedingungen weglässt, dann ist Acid House eine sehr geometrische Musik, sehr funktional. Nimm zum Beispiel 808 State. Das ist pure Mathematik, Musik wie nach Gleichungen gebaut. Unsere Musik funktioniert nach Formeln. Wir bauen Stücke, die die physikalischen Formeln von Gas oder Wasser simulieren. Du hast z. B. ein Geräusch von tropfendem Wasser. Dieses Geräusch kann man mit Hilfe von Daten simulieren. Und dann kannst du es manipulieren. Wir sind von solchen Simulationen vollkommen besessen.\"
Es ist die alte Diskussion um musikalische Formen, wie sie von Pierre Henry, John Cage, den New Blockaders oder eben Autechre aufgeworfen wurde. Wo beginnt Musik, wo hört sie auf? In einem Interview kam Jan Werner von Mouse On Mars einmal an den Punkt, wo der Boden unter allen Diskussionen aufbricht, weil man Musik überhaupt in Frage stellt: \"Was ist überhaupt Musik? Wir machen da den ganzen Tag an irgendwas rum, ohne zu verstehen, was wir da eigentlich tun ...\" Was passiert, wenn John Cage bei dem Stück \"4.33\" einen Pianisten 4 Minuten und 33 Sekunden vor ein Klavier setzt, ohne dass dieser auch nur eine Note spielt? Wie klingt so ein Stück auf Platte? Ist die Stille etwas anderes, wenn sie von Platte kommt, wo ein Tonabnehmer normalerweise von der Rille in Schwingungen versetzt wird und so die gespeicherten Töne reproduziert? Löst die Erwartung von Tönen ein anderes Empfinden beim Hören von Stille aus? So ähnlich, wie Milch furchtbar schmeckt, wenn man mit dem Geschmack von Orangensaft rechnet? Und wie ist es bei Popmusik, die nach bestimmten Schemata funktioniert? Bei der Wiederholung von bestimmten, nach jeweils regional unterschiedlichem Musikempfinden harmonischen Intervallen?
Sean Booth: \"Es gibt eine traditionelle Trennung zwischen Melodie und Rhythmus. Für uns gibt es diese Trennung nicht. Alles basiert auf Schwingungen und Wiederholungen dieser Schwingungen. Darauf basiert die kleinste musikalische Einheit: ein Ton. Mit Rhythmus und Harmonie ist es nicht anders. Rhythmus ist die Wiederholung eines Patterns, Harmonie die Wiederholung von Tonfolgen. Es beruht alles auf dem gleichen Prinzip. Und wenn man dieses Prinzip einmal erkannt hat, dann kann man innerhalb dieses Systems alles machen. Weil es ohnehin alles das Gleiche ist.\"
Ich frage Booth, inwieweit dieses dekonstruktivistische Prinzip bei ihm in andere Lebensbereiche hereinreicht. Schließlich lässt sich alles auf kleinste Bestandteile runterdividieren. Wir kommen zwangsläufig auf Politik zu sprechen, auf die englische Position im Irakkonflikt. \"Politik, oder allgemeiner: gesellschaftliche bzw. politische Systeme gehen auf sehr einfache Prinzipien zurück. Alle Grenzen basieren auf Konflikten. Und alle Staaten basieren auf Grenzen. Also gehen alle Staaten auf einen Krieg zurück. Genauso, wie Unterhaltungselektronik immer das Resultat von militärischer Entwicklungsarbeit ist. So funktioniert die Welt. Seit ich auf der Grundschule war, denke ich über solche Strukturen nach, aber ich will mich da nicht zu sehr äußern, das ist nicht meine Rolle. Aber es gibt einfach so viele Lügen: Woher weiß Amerika, dass der Irak Nuklearwaffen hat? Vielleicht haben sie dem Irak ja selber welche verkauft. Vielleicht ist auch deswegen ein großer Teil des Waffenreports plötzlich verschwunden. Es fühlt sich momentan komisch an, britisch zu sein. Ihr habt immerhin eine rot-grüne Koalition, ihr fuckin' lucky bastards.\"
Vielleicht sind wir das. Während der Taxifahrer mir auf dem Rückweg von Michael Jackson und George Michael erzählt, denke ich über Autechre nach. Ich komme zu keinen Ergebnissen, nur zu Fragen, die man an ihre Musik stellen kann. Und die ihre Musik in Bezug auf andere Musiken aufwirft. Oder auch hinsichtlich ganz anderer Bereiche, denen man sich auf eine abstrakte Art anhand von Autechres Musik nähern kann. Booth und Brown begreifen Musik als offene Struktur. Und das kann - gerade bei instrumentaler elektronischer Musik - für Gedankenspiele weitaus stimulierender sein als Festlegungen.
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