Filmkunst im Museum
Ausstellungen in Frankfurt und Köln: Mit Salz und Pfeffer
12.05.2010, 13:07, Text:
Martin Büsser
Die Beziehungen zwischen der bildenden Kunst und der Filmkunst sind reichhaltig. Zwei Ausstellungen beschäftigen sich auf je unterschiedliche Art damit. In der Schirn Kunsthalle Frankfurt geht es um abstrakte Zelluloidkunst ohne Kamera. Das Kölner Museum Ludwig zeigt seine reichhaltige Sammlung von Videos und Filmen, die bildende Künstler fabriziert haben. Martin Büsser nahm sich Zeit, um die Programme zu begutachten.
Film ohne Kamera. Ist das nicht wie ein Text ohne Buchstaben? Oder wie Musik ohne Töne? Nein. Film ohne Kamera verzichtet lediglich darauf, die Außenwelt abzubilden. Er ist pure Abstraktion. Aus dem Zelluloid selbst heraus geschaffenes Kino, bei dem die Künstler bzw. Regisseure Muster ins Filmmaterial kratzen, es mit Objekten bekleben oder chemisch bearbeiten. Die in der Schirn Kunsthalle Frankfurt vom 2. Juni bis 29. August laufende Ausstellung "Zelluloid. Film ohne Kamera" macht deutlich, dass diese Tradition des abstrakten Kinos, das auch "direct" oder "cameraless film" genannt wird, so alt ist wie die Moderne selbst.
Schon in den Jahren 1910 bis 1912 arbeiteten die beiden futuristischen Künstler Arnaldo und Bruno Gianni-Corradini an Filmen, die ausschließlich aus Farb- und Lichtexperimenten bestanden. Ganz im Geist des Futurismus sollte die träge abstrakte Malerei in Bewegung versetzt werden. Sie sollte tanzen und flimmern. Von diesen frühen Zeugnissen einer zu Begleitmusik gestalteten Zelluloid-Malerei sind allerdings keine Kopien mehr erhalten.
Musik für die Augen
Die Frankfurter Ausstellungsmacher werfen die Frage auf, ob es sich um Film im herkömmlichen Sinne oder um bildende Kunst handelt. Kuratorin Esther Schlicht schreibt von einer "einzigartigen Zwischenform, in der nicht so sehr der Film zur Kunst, sondern vielmehr die Kunst zum Film wird". Letztlich ist die Frage müßig. Spätestens in den 1960er-Jahren verwischen sämtliche Grenzen, Künstler aller Disziplinen verstehen sich als interdisziplinär - seien es die Happening- und die Fluxus-Bewegung oder die Psychedelic-Shows von Bands wie Soft Machine, wo abstrakter Film ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.
Eine Schlüsselfigur dieser Zeit ist der amerikanische Regisseur Stan Brakhage, dessen psychedelische Filmexperimente in Frankfurt ausgiebig gewürdigt werden. Unter anderem ist "Mothlight" von 1963 zu sehen, in dem Brakhage nicht einfach nur das Zelluloid zerkratzt oder beschabt, sondern mit Objekten beklebt, darunter Gräser, Blätter und Mottenflügel. In der musikalisch angelegten Filmkomposition, die einen Mottenflug verbildlicht, werden die lichtdurchlässigen Insektenflügel zu fragilen Kunstobjekten. Immer wieder haben Musiker die sehr rhythmisch angelegten Arbeiten von Brakhage vertont, darunter auch Sonic Youth. Der 2003 verstorbene Brakhage hatte nichts dagegen, bevorzugte aber, seine Filme stumm abzuspielen. Sie waren seiner Ansicht nach selbst bereits "Musik für die Augen".
Im Gegensatz zu vielen Vertretern des "cameraless film" war Brakhage Perfektionist. Ihm ging es nicht alleine darum, das Gestische der abstrakten Malerei in der Tradition eines Jackson Pollock auf bewegte Bilder zu übertragen. Er arbeitete an einer peinlich genauen Choreografie. Weil ihm nicht nur die Bewegung, sondern auch jedes Einzelbild wichtig war, haben seine Filme ein Tempo, bei dem man zwar die Bewegung wahrnimmt, zugleich aber auch jedes einzelne Gemälde als Standbild erkennen kann.
Schirn Kunsthalle Frankfurt "Zelluloid. Film ohne Kamera" (02.06.-29.08.2010; www.schirn-kunsthalle.de)
Anlässlich der Eröffnung von "Zelluloid. Film ohne Kamera" wird die Elektro-Chanteuse Ninca Leece gemeinsam mit ihrem VJ auftreten. Wir verlosen dazu 3 x das aktuelle Album von Ninca Leece "There Is No One Else When I Lay Down And Dream" (Bureau B), bitte schreibt dazu eine Mail an verlosung@intro.de, Stichwort "Ninca Leece".
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