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Protestkultur

Wir sind die Stadt!

04.05.2010, 17:14, Text: Martin Büsser, Foto: Nora Halpern

Es ist einfach nicht mehr zu übersehen: Der Protest findet derzeit auf die Straße zurück. In Hamburg, Köln, Stuttgart und zahlreichen weiteren Städten äußert die Bevölkerung ihren Unmut über Stadtpolitik wieder auf Demonstrationen. Martin Büsser hat sich für Intro im Land umgeschaut.

In zahlreichen großen und kleinen Städten brodelt es. In Hamburg haben Künstler das Gängeviertel besetzt, in Stuttgart demonstrieren Tausende gegen den geplanten Tiefbahnhof, und in Köln waren Künstler mit einem Karnevalswagen gegen die Stadtplaner am Start. Wer sind die Leute, die protestieren? Ist dies erst der Anfang, der sich am Ende in bundesweiten Protesten niederschlagen wird? Und welche Rolle spielt die Subkultur dabei?


Hamburg - Szene als Investmentbonus

Das Schanzenviertel an einem Frühjahrstag, auf den Straßen wimmelt es vor Menschen. Die Dichte an Straßencafés ist hier so groß wie nirgends sonst in der Stadt. Junge, gut aussehende Menschen plaudern, manche sitzen auch alleine da, in ihren Laptop vertieft. Im Hintergrund nimmt sich die Rote Flora mit ihren Graffitis und autonomen Parolen wie ein Fremdkörper aus. Relikt aus einer alten Zeit. Beinahe unvorstellbar, dass das linksautonome Milieu noch vor zehn Jahren das gesamte Straßenbild dieses Viertels bestimmt hat. Manches zeugt noch davon, etwa die linke Buchhandlung oder das Freie Radio FSK. Ted Gaier von der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen stellt ernüchtert fest: "Die Schanze ist längst nicht mehr Teil des Widerstands, dieser Kampf ist schon lange verloren. Dort hat die klassische Gentrifizierung stattgefunden."

Klassische Gentrifizierung bedeutet: Szeneviertel locken Künstler und Kreative an, die wiederum sorgen für eine Aufwertung des Viertels und steigende Mieten. Anders ist das im Fall von St. Pauli: Hier arbeitet die Stadt selbst an einem rasanten Komplettumbau, die Schneisen dieser Verwüstung sind bereits überall sichtbar. Da wird eine alte Brauerei abgerissen und durch drei Bürotürme ersetzt. Umso perfider, dass die Künstler für diese Turbo-Gentrifizierung auch noch instrumentalisiert werden. Als die Hamburg Marketing GmbH eine Broschüre herausgab, in der sie neben Popstars wie Nena auch mit den Goldenen Zitronen für coole, authentische Szene-Kultur "von unten" warb, wurde es einigen zu bunt: Mit dem Manifest "Not In Our Name, Marke Hamburg!" stellten sie klar, dass sie sich nicht vor den Karren einer auf Profitmaximierung angelegten Baupolitik spannen lassen. Unter den Unterzeichnern finden sich unter anderem auch Rocko Schamoni und Melissa Logan von den Chicks On Speed. "Die SPD hat das weitergeführt, was unter Schill begonnen wurde", erklärt Ted Gaier: "In Hamburg existiert ein Meistbiet-Dogma. Der Grund oder eine Immobilie geht an den, der am meisten bietet. Auf der einen Seite existiert extreme Wohnknappheit und ein riesiger Bedarf an Sozialwohnungen, auf der anderen Seite gibt es keinen sozialen Wohnungsbau, aber Millionen Quadratmeter leer stehender Büroflächen."

Mit Initiativen wie "Es regnet Kaviar", der Besetzung des Gängeviertels oder dem Nachbarschafts-Projekt "Park Fiction" sind erste Erfolge gelungen: Hier haben sich Künstler ihren Freiraum erkämpft, die Stadt reagierte, weil sie die Künstler nicht verprellen will, sondern sie zur Aufwertung ihrer Viertel benötigt, und kaufte das Gängeviertel zurück. Eine paradoxe Situation. Zumal es den Künstlern auch um die Solidarität mit den Anwohnern geht, den Arbeitern, Migranten und Arbeitslosen: "Als wir unsere Interessen der Senatorin, Frau Welk, vortrugen, merkten wir, dass es ihr nur um die Künstler ging, nicht um die Hartz4-Empfänger. Sie meinte lediglich: 'Schön, dass Sie sich auch für diese Leute einsetzen, aber lassen Sie uns doch lieber über die Bedürfnisse der Künstler reden.' Darum geht es uns aber nicht, uns geht es um die soziale Frage."

Ted Gaier befürchtet, dass die Stadtplaner und Investoren lebendige Kultur mit "Eventisierung" verwechseln: "Dabei weiß die Subkultur doch viel besser, wo sie sich ansiedeln möchte, welche Räume als Konzertorte oder Ateliers geeignet sind. Wir haben uns unsere Clubs in den letzten Jahren selbst aufgebaut, ohne der Stadt auf der Tasche zu liegen. So etwas wie der Pudel Club sind Orte, die gewählt wurden, weil sie ein bestimmtes Flair haben. Es ist absurd, dass die Investoren uns als Vertreter der kuscheligen Subkultur umgarnen - und sich am Ende wundern, wenn wir alle wegziehen, weil wir uns die Mieten nicht mehr leisten können."

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