MAN SON 1969
Geschichte mit Bart
20.03.2009, 11:22, Text:
Martin Büsser
Eine Ausstellung widmet sich dem Mythos von 1969. Jenem Typen, der schon damals aussah wie heute Vincent Gallo und eine entscheidende Pause von seinem Dauerknastaufenthalt nutzte, um viele Mädchen zu treffen und ein paar Morde in Auftrag zu geben.
1968 war gestern, jetzt kann das 69er-Jubiläum gefeiert werden. Aber gibt es überhaupt etwas zu feiern? Geht es nach den Kuratoren der Hamburger Kunsthalle, dann stand 1969 ganz im Zeichen von Charles Manson. Das ist ziemlich viel Ehre für einen protofaschistischen Sektenguru, der seine Anhänger im August 1969 dazu brachte, in Hollywood eine Reihe von Morden gegen "das Establishment" zu begehen. Die Tatsache, dass Manson in den gegenkulturellen Kosmos der Westküste verstrickt war und unter anderem die Beach Boys und Timothy Leary kannte, reicht den Ausstellungsmachern schon aus, um an ihm das Scheitern sämtlicher sozialer Utopien festzumachen, die seit dem "summer of love" in der Luft lagen. Die Argumentation ist ziemlich einfach gestrickt: 1968 war ein Ruf nach Revolution und einer besseren Welt, doch bereits 1969 wurde all dies durch Charles Manson zunichte gemacht. Daher auch der etwas pathetische Titel der Ausstellung: "MAN SON 1969". Der Psychopath wird zum "Menschensohn" stilisiert, eine Art satanisches Gegenstück zu Christus. "Die Ausstellung verfolgt keine explizite Aufklärungsthese", heißt es im Katalog, was leider auch stimmt. "MAN SON 1969" ist nämlich das Gegenteil von Aufklärung. Es wird Verdunkelung und Mystifizierung betrieben, der es implizit darum geht, die soziokulturellen Experimente der Gegenkulturen durch die Figur Mansons zu diskreditieren.
Besonders plump geht die Videoarbeit von Thomas Kunzmann vor: In 44 Sekunden werden die Mitglieder und Opfer der Manson-Gruppe, der RAF und der Hamas eingeblendet und so in einen Zusammenhang gestellt, den es historisch nicht gibt. Man kann das Vorgehen der RAF aus guten Gründen ablehnen, doch es steht in einem völlig anderen Kontext als das von Satanismus und LSD geprägte Gefasel eines Charles Manson.
Nicht alle in Hamburg gezeigten Arbeiten sind so platt, für sich genommen sind einige Exponate sogar extrem sehenswert, was bei Namen wie Dan Graham, Jenny Holzer, Sigalit Landau, Douglas Gordon und Die Tödliche Doris auch nicht weiter verwundert. "MAN SON 1969" ist vielmehr als Gesamtkonzept gescheitert, denn die Ausstellung will einerseits zu viel und andererseits zu wenig. Es ist zu wenig, an einer Figur wie Manson die Ambivalenz sozialer Utopien festmachen zu wollen - zumal fraglich ist, ob Manson selbst irgendwelche Utopien hatte. Und es ist andererseits zu viel, von Manson ausgehend einen ganzen Diskurs über das Verhältnis von Kunst und Gewalt aufmachen zu wollen. Letzteres versuchen die Kuratoren in Hamburg allerdings, indem sie unter anderem auch mittelalterliche Sakralkunst - Christus als Schmerzensmann - und ein Frauenmörder-Bild von George Grosz aus dem Jahre 1918 in die Ausstellung integrieren. Was soll damit verdeutlicht werden? Dass Kunst immer schon von Gewalt fasziniert war? Dass Charles Manson ein Künstler war?
Eine Arbeit von Rudolf Herz nimmt eine ganze Wand ein und zeigt Porträts von Marcel Duchamp und Adolf Hitler im Wechsel. Beide Fotos stammen ursprünglich von Heinrich Hoffmann, der Duchamp 1912 und Hitler Ende der 1920er-Jahre fotografiert hatte. Worauf will diese ästhetische Gleichbehandlung der Antipoden hinaus? Dass jede Avantgarde auch ihr Gegenteil hervorbringt? Am besten also, so der Tenor der Ausstellung, wir verzichten gleich ganz auf Avantgarde, Experiment und Utopie. Dann bleibt uns auch die Ernüchterung erspart.
MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation (Hamburger Kunsthalle, noch bis zum 26.04.)
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