Pictopia
Bildweltsehnsucht
16.03.2009, 15:11, Text:
Arno Raffainer
Das dritte Pictopia-Festival in Berlin - jetzt auch mit Symposium! - zeigt, dass Characters am besten frei nach den Goldenen Zitronen funktionieren: Raus aus dem Kontext! Rein in den Kontext! Peter Thaler, einer der Organisatoren, gibt Arno Raffeiner Auskunft.
Was bezeichnet der Name Pictopia? Was für Utopien sind gemeint?
Es geht um das Versprechen des Bildes. Characters sind die Verkörperung eines bildlichen Versprechens. Sie schauen uns aus dem Bildraum an und schaffen durch ihre Abstraktion eine starke emotionale Bindung, gerade weil sie uns direkt anschauen, aber eigentlich auf nichts verweisen. Sie sind wie gefangen im Bildraum, sie sind keine Abbildung von echten Lebewesen und haben keine Referenz mehr. Durch diesen Verlust eines Verweises in die wirkliche Welt werden sie zu künstlichen Wesen und geben dieses Versprechen: dass es eine Bildwelt gibt, die komplett anders als unsere Welt ist. Darauf bezieht sich die Utopie von Pictopia: wie man in diesen Bildraum eintreten kann. Natürlich ein letztendlich fahles Versprechen.
Bei aller Reduktion: Ohne Augen geht's nicht, oder?
Nein, auf jeden Fall nicht bei uns. Das Hauptmerkmal ist der anthropomorphe Kontakt, der stattfindet. Er ist auf das Wesentlichste konzentriert. Da ist dieser Augenkontakt, aber alles, was darüber hinaus geht, was illustrativ oder arabesk wäre, wird weggelassen. Das heißt, dass die Characters eine perfekte Leinwand darstellen, in die man etwas hineinprojizieren muss.
Euer Grundgedanke war, dass dadurch in einer bildlichen Sprache global kommuniziert werden kann. Wie haut das in Wirklichkeit hin mit der interkulturellen Kommunikation über Urgefühle und Archetypen?
Eigentlich gar nicht. Das ist ein völlig falsches Versprechen, wie wir einsehen mussten. Den Traum, dass Character-Design eine Schriftsprache oder eine Art neues Esperanto werden könnte, halte ich für Quatsch. Durch die Abstraktion - das Weglassen von Details und kulturellen Hintergründen - sind die Bilder zwar schon weltweit lesbar, so wie z. B. "Hello Kitty". Aber Missverständnisse sind vorprogrammiert, für alles gibt es kulturell verschiedene Lesarten. Inzwischen finden wir es auch gar nicht mehr so interessant, eine solche Sprache zu entwickeln und zu protegieren. Es geht uns eher darum, zu untersuchen, was für ein Wunsch dahintergesteckt hat. Wir finden es jetzt viel interessanter, unsere Character-Sammlung als Sehnsucht zu begreifen, in so einen Bildraum einzutauchen.
Pictopia
Symposium: 19.-21.03. - Berlin, Haus der Kulturen der Welt
Character Walk: 17.-22.03. - Berlin, diverse Galerien
Ausstellung: 19.03.-03.05. - Berlin, Haus der Kulturen der Welt
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