Female Trouble
Wo wir hingehören
18.08.2008, 15:18, Text:
Mick Schulz
In der Ausstellung "Female Trouble" in der Münchener Pinakothek der Moderne begrüßt einen die unvermeidliche Cindy Sherman. Sie hängt dort als Schirmherrin. Eine, die es geschafft hat, wie der Katalog betont. Aber auch eine, an der man sich sattgesehen hat - wie Alice Schwarzer zwar unumgänglich, aber nicht mehr auf der Höhe der Zeit wirkend.
So schnurrt der innere Bildungsbürger. Und die Fallhöhe ist umso größer, je weiter man vordringt, um die übrigen Arbeiten unter die Lupe zu nehmen. Fassungslos steht man vor der Radikalität von Claude Cahun, Hannah Höch oder Marta Astfalck-Vietz. Diese Frauen, die so bestimmt und reflektiert mit ihrer Selbstinszenierung umgehen und zum Teil so futuristisch aussehen, als hätten sie alles schon überwunden, womit wir heute noch kämpfen - ihre Fotos entstanden in den 20er-Jahren. Unwillkürlich schaut man auf die Daten, um sich zu vergewissern, dass kein Irrtum vorliegt. Unangenehme Frage: Hier ist das Foto von Claude Cahun mit abrasierten Haaren und Tanktop. So wäre sie auf keinem Punk-Konzert fehl am Platz. Aber es ist 80 Jahre alt. Wie kann es immer noch radikal sein, nach so viel Zeit?
Wenn man sich Pétrole Hahn von ringl + pit ansieht, drängt sich der Zusammenhang mit dem Werk von Cindy Sherman auf. Wie kommt es, dass sich das Problem offenbar nicht verändert hat, obwohl seit so langer Zeit daran gearbeitet wird?
Es geht auch anders. Nikki S. Lee und Tomoko Sawada nehmen klar Bezug auf Cindy Sherman. So wie Sarah Lucas auf Valie Export.
Heute muss nicht jede Künstlerin von vorn anfangen. Es gibt eine Tradition weiblicher Selbstinszenierung als Bezugsgröße. Obwohl sich vieles um Cindy Sherman herum gruppiert, hat die Ausstellung auch anderes zu bieten. Beispielsweise die Fotos aus der Reihe "Ricas Y Famosas" der Mexikanerin Daniela Rossell. Sie sehen aus, als hätte man sich kurz das Bühnenbild einiger Szenen aus Barneys "Cremaster"-Zyklus ausgeliehen und darin Promo-Fotos für Pornodarstellerinnen geschossen. Das Groteske kippt ins Schauerliche, wenn man liest, es seien reiche Töchter in den Arbeitszimmern ihrer Väter. Unheimlich das Verschwinden von Francesca Woodman. Auf ihren Selbstbildern sind geisterhafte Erscheinungen in verlassenen, abbruchreifen Häusern zu sehen. Die Künstlerin hat sich mit 22 Jahren umgebracht. Dazu die Gewalt gegen den eigenen Körper von Ana Mendieta oder Jürgen Klauke, der es schafft, eine Stoffvagina stolz wie einen Schwanz in die Kamera zu halten.
Den perfekten Abschluss, wenn auch aus architektonischen Gründen leider im vorletzten Raum, bildet Pippilotti Rists Arbeit "Ever Is Over All". Mit welcher kindlichen Freude sie ihre riesige Blume als Keule schwingt und damit Autos demoliert, macht Lust, es ihr nachzutun. Ein über sich hinausweisendes Werk mit einer utopischen Komponente, die vielen anderen ausgestellten Arbeiten abgeht. In diese Utopie, wo weibliche wie männliche Aggression endlich gleichermaßen lustvoll zelebriert werden, sich beide gegenseitig aufheben - in diese Utopie gehören wir.
Mick Schulz
"Female Trouble. Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierungen" läuft noch bis 26.10. in der Pinakothek der Moderne, München. Der Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen.
(Verbrecher Verlag, 172 S., EUR 14)
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
VERWANDTE ARTIKEL
- » Ben Sherman Plectrum Sessions - Mi...
- » Ben Sherman - Auktion: Very Import...
- » Tickets gewinnen für The Rifles...
- » Ben Sherman + Intro Store-Partys...
- » My Name Is Khan - und weitere Film...
- » Leserpoll 2009 - Ihr habt abgestim...
- » Intro Intim Januar - mit Robyn, Do...
- » Bim Sherman
- » Bim Sherman - die dritte dimension
- meist geklickt
- kommentiert
- 01 Kino-Doku: Marley - Mit Intro z...
- 02 Max Payne 3 - Besitzergreifend
- 03 Breaking Bad - 6 Fakten
- 04 Der Fall John Yesterday - Gutes...
- 05 I Am Alive - Die namenlose Hauptfigur
- 06 The First Rasta - Golem von Religion
- 07 Sound It Out - Im Plattenladen
- 08 Bar25 - Berliner Erde
- 09 Rote Augen - mit Scharlau und V...
- 10 Tribute - Roman Polanski



