Angela Richter / Jeff Koons
We'll never stop living this way
30.07.2008, 18:19, Text:
Kerstin Grether,Sandra Grether
[1 Kommentar]
Angela Richter setzt dem herrschenden Glauben an die Zurichtung eine andere Definition von Pop entgegen. Ihre Inszenierung von Rainald Goetz' "Jeff Koons" versprüht Euphorie. Kerstin Grether und Sandra Grether waren im Theater und haben die Regisseurin getroffen.
Was will man von der Inszenierung eines Theaterstücks? Doch wohl, dass man auch noch sechs Wochen danach gute Laune hat! Vielleicht sogar für den Rest des Jahres. Die Neuinszenierung von Rainald Goetz' glücklich-abgründigem Theaterstück "Jeff Koons" der Hamburger Regisseurin Angela Richter im Berliner Hebbel am Ufer im Frühjahr war so ein Event.
Und es war nicht nur diese bis zur allerletzten Szene durchgehaltene Affirmations-Energie, jene große verzehrende Euphorie, die die Verzweiflung der Schlusssätze umso wahrer machte. Sondern freilich die ganze großartige Inszenierung: Intention, Durchführung und natürlich die berauschende Thematik ("Kunst, Reden, Bilder, Sex, Melodien, Liebe"), die einen in diesen staunenden Glückszustand versetzte. So viel, so leicht!
Angela Richter: "Das hat man ganz oft bei Theaterinszenierungen, dass am Ende so eine Kater-danach-Stimmung aufgeführt wird. Aber ich wollte, dass die Schauspieler dagegenhalten. Die Leute sollten aus dem Stück rauskommen und sich fühlen wie auf Ecstasy. So voller Liebe - obwohl alles dagegen spricht."
So voller Liebe auch zu Pop: Allein, wie sie ein Kunst versprühendes Michael-Jackson-Double auftanzen lässt, das den Sorgerechtstreit von Koons/Cicciolina im wie dafür geschaffenen "Billie Jean"-Hit thematisiert! Und toll auch, wie Angela Richter die Attribute, die sie dem zehn Jahre alten Stück attestiert - die "pure Existenzbegeisterung" und "die Freude am tatsächlich Gesprochenen in Alltag, Club und Galerie" -, auch wirklich rüberbringt!
Und das gilt auch für die Aufführung weiblicher und männlicher Stereotypen. Wenn sie etwa die wunderbar-kraftvolle Schauspielerin Eva Löbau als Kunstsuperstar Jonathan Meese auftreten lässt, dann geht es nicht einfach nur um eine Umkehrung der Rollen, sondern um ein Nebeneinander - und gegen eine, auch von Angela Richter so beobachtete, "Re-Martialisierung der Verhältnisse". Klar, dass die doofen auf Anti-Pop und Status-Huberei abonnierten Kritiker im Feuilleton den Reiz, das Stück in die Gegenwart zu übersetzen, nicht auf Anhieb verstanden haben. Sie waren ja auch abgelenkt von den vielen Nebenschauplätzen, die sie rund um die Berliner Aufführung ausgemacht hatten: "Die Ehefrau von Daniel Richter inszeniert Rainald Goetz! Das Bühnenbild von Meese! Die Musik von Dirk von Lowtzow. Und wann schreibt Rainald Goetz endlich wieder einen Roman? Was gibt's Neues von Jeff Koons?" usw. Man will es in seiner Plumpheit eigentlich gar nicht wiederholen, Angela Richter ist schließlich eine bekannte Regisseurin, die mit dem Hamburger Fleetstreet sogar ein eigenes Off-Theater leitet. "Die Leute schauen halt mit Gossip-Ohren", nennt die Regisseurin das. Das Publikum hingegen war von der Neuinszenierung begeistert: alle Vorstellungen ausverkauft.
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haru_specks 05.08.2008 | 17:56:38
shine on
"Leider ist der Pop in dieser Eleganz und Verfeinerung über Ernsthaftigkeit indirekt abgeschafft worden, durch dieses Gerede. Denn wenn man jetzt schaut, was Pop ist, also DSDS oder Heidi Klum, dann erkennt man: Es geht nicht mehr um Versprechen oder Utopie, sondern es ist ein Glaube an eine Zurichtung."
das ist ganz schlimm wahr.
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