Mehr Kunst wagen!

Künstler als Musiker

22.11.2007, 15:45, Text: Martin Büsser, Foto: Lioba Schneider

\\\\"So populär wie jetzt war Kunst noch nie\\\\", erklärt Tim Berresheim. \\\\"Du kannst zu jedem Scheiß-Thema eine Ausstellung machen, und die Leute rennen dir die Hütte ein.\\\\" Die momentane Gier nach Kunst und mit ihr einhergehend auch ein gewisser Überdruss gegenüber Pop ist einer der Gründe, warum Martin Büsser der Frage nachgeht, was passiert, wenn Künstler auch als Musiker tätig werden.

Ortstermin: a-Musik


Gibt es so etwas wie eine Entwicklungslinie von Künstlerschallplatten, eine über mehrere Generationen erkennbare Tradition? Haben bildende Künstler Einfluss auf die Entwicklung der Musik gehabt, oder ist die Künstlerschallplatte nichts weiter als ein schönes Sammlerstück? Diese Fragen diskutieren wir im Hinterraum des Kölner a-Musik-Ladens, einem Plattenladen, der selbst eine große Abteilung mit der Rubrik \\\\"Künstlerschallplatten\\\\" hat.


Gesprächspartner sind der Künstler Tim Berresheim und Wolfgang Brauneis von a-Musik. Zusammen mit Jonathan Meese hat Tim bereits um die 20 Platten auf dem eigenen New-Amerika-Label aufgenommen, die von a-Musik vertrieben werden. Wolfgang betreibt zudem das Eventuell-Label, auf dem vorwiegend Schallplatten von bildenden Künstlern erscheinen, unter anderem die LP \\\\"Long Live The People Of The Revolution\\\\" (2005) von und mit Raymond Pettibon. Pettibon, den meisten als Zeichner und Illustrator von Plattencovern bekannt - unter anderem \\\\"Goo\\\\" von Sonic Youth und diverse Platten von Black Flag -, besticht darauf als leicht angesoffen klingender Interpret von Arbeiter- und Revolutionsliedern aus den 1920er-Jahren. \\\\"Long Live The People Of The Revolution\\\\" ist keine typische Rock- oder Pop-Platte. Sie enthält Momente von Atonalität, Dilettantismus und musikalischer Grenzüberschreitung, die für Pop ebenso untypisch sind wie für die Neue Musik. Ein eigenartiges Dazwischen, das deutlich macht: Künstler haben eine ganz eigene Herangehensweise an Musik. \\\\"Im Optimalfall machen Künstler Musik, die einen Blick von der Seite einnimmt\\\\", sagt Wolfgang. \\\\"Dadurch, dass sie nicht aus dem System Musik kommen, können sie Dinge verwirklichen, die innermusikalisch zu diesem Zeitpunkt so nie hätten entstehen können.\\\\"

Sind bildende Künstler also Avantgardisten, die durch ihren unbedarften Blick von außen die Entwicklung der Musik entscheidend vorantreiben? In unserem Gespräch wird schnell klar, dass es nicht darum gehen kann, wahllos über Leute zu reden, die sowohl Kunst und Musik machen, wie das bei Paul McCartney, Marilyn Manson, Wolfgang Niedecken oder David Bowie der Fall ist. Viel interessanter sind all jene, die den konzeptuellen Ansatz der bildenden Kunst auf die Musik übertragen und damit bewusst oder unbewusst mit musikalischen Konventionen brechen. Tim erklärt das für seine Arbeit mit Jonathan Meese: \\\\"Der Vorteil ist doch, dass wir nicht wirklich eine Vorstellung davon haben, wie Musik zu funktionieren hat. Wir können einfach alles geschehen lassen.\\\\" Diese Haltung sorgt für sperrige, störrische und bisweilen auch amateurhaft peinliche Musik, wie sie ein Profimusiker niemals veröffentlichen würde. Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris hatte schon Anfang der 1980er-Jahre in seinem Manifest der \\\\"Genialen Dilletanten\\\\" erklärt, dass gerade dieses Fehlerhafte ein entscheidender kreativer Impuls sei, Musik in völlig neue Bahnen zu lenken.


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aus Intro #156 (Dezember 2007 / Januar 2008)
 
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