Wald und Metal

Ein Überblick über die norwegische Kunstszene

18.09.2007, 10:20, Text: Christiane Erharter, Foto: Susanne Pospischil

Der immensen geografischen Größe Norwegens - vor allem der Tausende Kilometer langen Nord-Süd-Ausdehnung - steht eine geringe Bevölkerungsdichte von nur 4,5 Mio. EinwohnerInnen gegenüber. Jedoch sorgt die Besiedlungspolitik der Regierung für Infrastruktur von Kristiansand bis zum Nordkap: In jedem Städtchen gibt es einen Kunstverein bzw. Ausstellungsmöglichkeiten für bildende Kunst. Das hat teilweise auch mit den Tätigkeiten der zwar etwas angestaubten, aber sehr mächtigen norwegischen Künstlervereinigung Norske Billedkunstnere zu tun. Diese zählt 2400 Mitglieder, ist im ganzen Land aktiv und organisiert seit 1882 die jährlich stattfindende Herbstausstellung. Diese populärste Kunstausstellung im Land findet im Künstlerhaus in Oslo statt und wird auch von der kultursinnigen Königin Sonja von Norwegen, die selbst Kunst sammelt, regelmäßig besucht.


Die Ausstellung ist ein echter Publikumshit. Alle KünstlerInnen, die Mitglied in der Vereinigung sind, dürfen mitmachen. Es gibt weder Auswahlkriterien noch Qualitätskontrolle, und mittels Petersburger Hängung wird jeder Zentimeter des Künstlerhauses volltapeziert. Im Rahmen der Ausstellung werden dann auch Preise vergeben, der begehrteste ist ein dreijähriges Stipendium. Selbst Magne Furuholmen, Mastermind der Popgruppe a-ha, wurde hier bereits für sein künstlerisches Schaffen gewürdigt.

Der Wunsch der norwegischen Kunstszene nach Professionalisierung und internationaler Profilierung führte 2002 zur Gründung des Office for Contemporary Art Norway in Olso, für dessen Gründungsphase die deutsche Kuratorin Ute Meta Bauer - unter anderem verantwortlich für die 3. berlin biennale für zeitgenössische kunst und Ko-Kuratorin der documenta 11 - engagiert wurde. Überhaupt prägten und prägen einige Deutsche die norwegische Kunstszene: Gunter Reski hat eine Professur für Malerei an der Kunstakademie in Oslo, die wiederum bis 2004 von Dagmar Demming geleitet wurde (ihr norwegischer Nachfolger Ståle Stenslie lehrte an der Kunsthochschule für Medien Köln). Eva Meyer hatte eine Professur an der Kunstakademie in Oslo, Stephan Dillemuth und Doris Frohnapfel hatten Professuren an der Kunstakademie in Bergen inne. Die Deutsch-Norwegerin Andrea Kroksnes ist als Kuratorin im Museum für zeitgenössische Kunst in Oslo tätig. Aber auch andersherum funktioniert es: Viele norwegische KünstlerInnen leben derzeit in Berlin.

Generell gibt es viele musikalische und künstlerische Überschneidungen in der norwegischen Kunst. Der Künstler und Musiker Kim Hiorthøy arbeitet nebenher als Illustrator und ist Haus-und-Hof-Designer des Musiklabels Rune Grammofon. Der Fotograf Benjamin Alexander Huseby designte zuletzt das Cover-Artwork des Von-Südenfed-Albums und führte beim Video zu \\\"Fledermaus Can't Get Enough\\\" Regie. Ein thematischer Dauerbrenner ist Black Metal, etwa in den Werken des Fotografen Torbjørn Rødland oder der Kunst von Bjarne Melgaard. Dessen Ausstellung \\\"Black Low\\\" im deutschen Museum MARTa Herford im Sommer 2002 konnte, nach einem anfänglichen Verbot, nur in zensierter Fassung gezeigt werden. Die dort ausgestellten Skulpturen referierten nämlich auf die norwegische Black-Metal-Szene und provozierten angeblich auch mit allerhand nicht jugendfreien sexuellen Anspielungen. So kam es vermutlich, dass der mit unkorrekten Späßen nicht geizende Kunstkritiker Tommy Olsson eine Besprechung zu einer Jahre später stattfindenden Einzelausstellung Bjarne Melgaards in Norwegen mit dem Satz schloss: \\\"Ich hatte die ganze Zeit einen Ständer!\\\" Darüber hinaus verschafft sich mit Leuten wie Lasse Marhaug, Maja Ratkje, Are Mokkelbust und dem Duo Next Life eine international wahrgenommene Experimental- und Noise-Szene Gehör, die teilweise auf der Osloer Kunstakademie ihre Anfänge hatte. Neben dem institutionalisierten Kunstbetrieb hat sich aber auch eine selbstbewusste Offszene etabliert, z. B. die Community um den queeren Club Iconoclastic und das lesbisch-feministische Fanzine The Laugh of The Stri(p)ed Hyena, die regelmäßig Veranstaltungen organisiert.



Top 3 Galerien in Oslo


Standard

2005 eröffnete diese trendige Galerie hinter dem Künstlerhaus. Die Betreiber haben sich einer jungen \\\"neokonzeptuellen Kunst\\\" verschrieben und vertreten fast ausschließlich männliche Künstler wie Einarsson, Faldbakken, Hiorthøy, Rødland. www.standardoslo.no

Torpedo Kunstbokhandelen

Kleine Kunstbuchhandlung, die von einem KünstlerInnenkollektiv geführt wird. Hier finden auch regelmäßig Buch-, Fanzine-, CD-Präsentationen statt. www.torpedobok.no

UKS (Unge Kunstneres Samfund)
Die Gesellschaft junger KünstlerInnen betreibt einen nicht nur architektonisch ansprechenden Space in Grönland. In Oslo werden sehenswerte internationale und norwegische Ausstellungen gezeigt. www.uks.no



Top 3 Galerien in Norwegen


Kunsthalle Bergen

Jedes Jahr findet hier die Festspielausstellung statt - ein Pflichttermin im norwegischen Kunstkalender. Zur Kunsthalle gehört auch der Projektraum Landmark mit angeschlossenem schicken Café/Bar (DJs und Bands!). www.kunsthall.no

Sami Artist Center in Karasjok
In Karasjok in Nordnorwegen betreiben samische KünstlerInnen dieses Kunstzentrum. Die Samen sind Norwegens indigene Bevölkerung, ein Nomadenvolk, das im Norden von Finnland, Schweden, Norwegen und Russland lebt. Karasjok ist die Hauptstadt der Samen in Norwegen, hier befindet sich auch ihr Parlament. www.samiskkunstnersenter.no

Barents Spektakel in Kirkenes

Dieses Kunst- und Kulturfestival an der Grenze zu Russland wird jährlich vom Kollektiv Pikene På Broen, das sich nach dem Bild \\\"Mädchen auf der Brücke\\\" von Edvard Munch benannt hat, organisiert. www.pikene.no/spektakel/

Das große Norwegen-Special: www.intro.de/spezial/norwegen



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aus Intro #154 (Oktober 2007)
 
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