Felix Gonzalez-Torres

Im Angesicht des Verschwindens

[Felix Gonzalez-Torres Retrospektive; Berlin, Hamburger Bahnhof; bis zum 09.01.]

20.11.2006, 06:00, Text: Martin Büsser, Foto: The End, 1990

Seine Werke stehen in der Tradition der Minimal Art, doch Felix Gonzalez-Torres ging es um weit mehr als um bloße Abstraktion und das selbstgenügsame Spiel mit dem ästhetischen Material. Der in Kuba geborene Künstler, der erst 1990, wenige Jahre vor seinem Tod, seine erste Einzelausstellung hatte, wollte stets politisch verstanden werden. Seine Arbeiten reflektieren die eigene Außenseiterposition als Homosexueller und das Leben mit Aids, an dessen Folgen 1992 sein Lebensgefährte und schließlich 1996 auch Gonzales-Torres gestorben ist. Zu seinen eindringlichsten Werken zählt eine Plakatserie, die Gonzales-Torres kurz nach dem Tod seines Freundes in New York anbrachte: Sie zeigt ein leeres, gerade verlassenes Bett. Im Gegensatz zur umstrittenen Benetton-Werbekampagne, die mit Bildern von Aids-Kranken für deren buntes Kleider-Sortiment warb, arbeitete Gonzales-Torres subtil mit dem Schmerz der Abwesenheit. Plumpe Schockeffekte sind ihm fremd gewesen.


Um Vergänglichkeit drehen sich auch Gonzalez-Torres’ letzte Arbeiten, ein Fotozyklus, der am Himmel kreisende Geier zeigt. Die Vögel sind erst auf den zweiten Blick als kleine Punkte erkennbar. Normalerweise assoziiert man mit Geiern Tod und Verwesung, in diesen Bildern jedoch wirken die Todesboten selbst, als ob sie im nächsten Moment verschwinden würden. Die Subtilität, mit der Gonzalez-Torres elementare Themen in die schlichte Formensprache der Minimal Art rückübersetzt hat, macht sein Werk so einzigartig. “Untitled (Placebo – Landscape For Roni)” besteht aus einem Meer aus in Goldpapier gewickelten Bonbons. Jeder Museumsbesucher darf ein Bonbon mitnehmen und essen. Der Aussteller verpflichtet sich allerdings, dass immer wieder Bonbons nachgelegt werden und die Anzahl stets gleich bleibt. Auch diese Arbeit spielt mit der Angst um den Verlust und das Verschwinden, hat aber zugleich etwas Versöhnliches. Die Vorstellung, dass nie etwas wirklich fort ist, erinnert an den letzten Satz aus Hermann Brochs Romanzyklus “Die Schlafwandler”: “Tu dir kein Leid! Denn wir sind alle noch hier.” Es geht schlichtweg ganz ohne Kitsch um Erinnerung, Liebe und Gedenken, die den Menschen unsterblich machen. Sein ganzes Werk, hat Gonzalez-Torres einmal gesagt, sei nichts anderes als ein Geschenk an den Freund gewesen.



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