
Szene Südtirol
Kunst Kultur Krawall
18.09.2006, 06:00, Text:
arno raffeiner, Foto: Arno Raffeiner
Televijiun RAI Ladina, Neujahr 2006. Dieser grauhaarige Mann, der da gönnerhaft in die Kamera grinst und auf Ladinisch Glückwünsche loswird, ist das wirklich the one and only Giorgio Moroder? Aber ja, der kolossalste Schnauzbart, den Disco je gesehen hat, ist Südtiroler, genauer gesagt Grödner aus St. Ulrich / Urtijëi, und verbringt die weihnachtlichen Feiertage gern in seiner Heimat. Ein weltweit bekannter Südtiroler Exportschlager in Sachen Kultur, über den mit der Reduktion auf seine Herkunft natürlich nichts gesagt ist, der aber doch beweist, dass man selbst von da aus, wo Après-Ski und Alpinismus, der Ötzi und vielleicht noch das MessnerMountainMuseum die Konsenskultur bestimmen, eine Musikrevolution anzetteln kann. Irgendwas ging immer schon in Südtirol. Wohin also, wenn das touristische Standardprogramm abgehakt ist oder man davon am liebsten gar nichts wissen möchte?
In Bozen hat sich einiges getan in den letzten Jahren. Das Museion für moderne und zeitgenössische Kunst, die Ende 1997 gegründete Freie Universität Bozen und die mittlerweile in die Universität integrierte Akademie für Design im Herzen der Altstadt sowie die Europäische Akademie EURAC in einem symbolträchtigen Bau aus den 30er-Jahren sind die wesentlichen institutionalisierten Pfeiler eines kulturellen Aufbruchs. Die Stadt wurde belebt, auch ein wenig verjüngt, und der internationale Austausch spielt (auch neben dem Tourismus) eine immer größere Rolle. Vieles verändert sich etwas schleppend und nur in einem bestimmten Rahmen, doch die Dinge sind in Bewegung.
Neben der etablierten Galerie Museum, die sich um etwas arriviertere Namen kümmert, ist derzeit das Lungomare die wohl wichtigste Schnittstelle für Popkultur von Kunst über Film bis zu Knisterelektronik. Am Stadtrand von Bozen hat sich ein Kollektiv von DesignerInnen, ArchitektInnen, Film- und Musikproduzenten hier Arbeitsräume eingerichtet und bemüht sich im angeschlossenen Ausstellungsraum um ein so vielfältiges wie internationales Programm. Bei einem Besuch Ende August künden die Kicker-Altäre von Martino Gamper noch von der “Abseits / fuori gioco”-Ausstellung anlässlich der Fußball-WM. Die aus Beton gegossenen Kicker funktionieren als verschmitzter Kommentar auf den Kult um Gott Fußball ebenso wie als überaus elegante Formkunst. Martino Gamper ist ein aus Meran stammender Designer, der derzeit von London aus mit seinen Möbeln Furore macht. Seine Entwürfe arbeiten sich an einfachen Materialien und Formen ab, überraschen dabei jedoch immer wieder mit ihrer Unkonventionalität.
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