Das achte Feld

Was es alles gibt!

18.09.2006, 16:39, Text: Martin Büsser, Foto: Wolfgang Tillmanns 'Dunst'

Der Ausstellungstitel ist einer Regel im Schach entlehnt: Wenn der Bauer auf das achte Feld vorrückt, kann er sich in eine Dame verwandeln und erhält mehr Macht. Folgt man diesem Bild, geht es den Kuratoren von “Das achte Feld” ausdrücklich um eine Aufwertung – die Abweichung von der sexuellen Norm, das Spiel mit Identitäten jenseits gesellschaftlicher Festlegung wird gemäß der Schachregel als Privileg angesehen. Im Schach kommt es allerdings so gut wie nie vor, dass ein Bauer das andere Ende des Spielfeldes erreicht. Der Bonus des Geschlechtertausches ist damit dem quasi Nicht-Existenten vorbehalten.


Im Bereich der Kunst, so viel macht die umfangreiche Schau über “Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960” im Kölner Museum Ludwig deutlich, ist Queerness dagegen alles andere als exotischer Bonus, das Spiel mit und Infragestellen von sexueller Identität gehört vielmehr zu den zentralen Themen der Kunst seit den 1960er-Jahren. Die feministische Autorin Germaine Greer behauptet in ihrem Buch “Der Knabe” sogar, dass die gesamte abendländische Kunst und somit auch unser Verständnis von Schönheit auf einem homoerotischen Blick basiere. Hierauf spielt wohl auch Hans-Peter Feldmanns kitschige Adaption von Michelangelos “David” auf dem Museumsvorplatz an, wobei nicht ganz klar ist, mit was hier ironisch gebrochen wird. Soll dieser Kitsch-David aufdecken, dass unser Kulturkanon auf einer langen schwulen Tradition basiert, die als solche nur selten benannt worden ist und daher “demaskiert” werden muss? Oder handelt es sich einfach nur um einen Camp-Verweis, der das Stereotyp vom schlechten schwulen Geschmack fortschreibt?

Nicht nur Feldmanns Arbeit, sondern auch die mehr als 250 Exponate umfassende Ausstellung lässt zahlreiche Fragen offen. Ausgangspunkt für die Ausstellung sei laut Museumsdirektor Kasper König ein Band der Zeitschrift Kunstforum international mit dem Titel “Der homoerotische Blick” gewesen, doch anstatt hieran ebenso klar anzuknüpfen und in Köln schwule und lesbische Kunst seit 1960 unter genau diesem Titel zu präsentieren, wurde das hohle Motto “Geschlechter, Leben und Begehren” gewählt, das alles und nichts aussagt und damit eben auch kein minoritäres Feld benennt. Das vermeintlich politisch korrekte Anliegen, möglichst alle Facetten sexueller Identität abzudecken, was von Hermaphroditen bis zu Kritik am Machismo reicht, führt zu einem Drang nach Lückenlosigkeit, der kein konkretes Anliegen mehr erkennen lässt, sondern sich im Enzyklopädischen verliert: “Schau mal, was es alles gibt!”, kann der Besucher erstaunt gegenüber einer Ausstellung ausrufen, über die die SZ lobend anmerkte, dass sie “ihr Thema weder skandalisiert noch sich als aktivistischer Teil einer Bewegung gibt”. Man kann es auch anders ausdrücken: Weil hier niemand allzu aktivistisch sein wollte, sondern wieder einmal hauptsächlich saturierte Familienväter für Auswahl, Programm und Katalogtexte verantwortlich waren, hat die Ausstellung am Ende nicht nur kein Anliegen, sondern nicht einmal ein klar umrissenes Thema, das zum Skandal hätte werden können.

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aus Intro #143 (Oktober 2006)
 
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