Gruppe SPUR

Skandal im Sperrbezirk

21.08.2006, 06:00, Text: Martin Büsser

Unter pop- und gegenkulturellen Gesichtspunkten wünscht sich wohl niemand ins Deutschland der 1950er-Jahre zurück. Doch dieses Jahrzehnt hatte noch etwas anderes als “Das Wunder von Bern”, Peter Alexander und die kulinarische Entdeckung des Nudelsalats zu bieten. Ausgerechnet im konservativen München formierte sich 1957 eine Gruppe von jungen Künstlern, die kurz darauf als deutsche Sektion der Situationistischen Internationale in die Geschichte eingehen sollte: “Wer Kultur schaffen will, muss Kultur zerstören”, lautete das vollmundige Credo im ersten Manifest der Gruppe SPUR von 1958, der unter anderem Lothar Fischer, Heimrad Prem und HP Zimmer angehörten.


Sie waren die erste kollektiv auftretende Künstlergruppe im Nachkriegsdeutschland, die sich der von den Nazis zerstörten Avantgarde-Tradition des Dadaismus und Surrealismus verbunden fühlte – “wir sind die dritte dadaistische Welle”, heißt es ironisch im Manifest – und die sich daher auch gegen die alles dominierende abstrakte Malerei auflehnte. Die reine Abstraktion und ihr Beharren auf die bloße Form diente schließlich vor allem dem Eskapismus, sich nicht mit der jüngsten politischen Vergangenheit auseinander setzen zu müssen. Die Arbeiten der Gruppe SPUR manifestierten sich demgegenüber nicht nur in Gemälden, Zeichnungen und Plastiken, sondern auch in Pamphleten und Aktionen, die als Vorläufer der Happenings gelten können. Ihren ersten Skandal löste SPUR im Januar 1959 mit einer Einladung zu einem Vortrag von Professor Max Bense im Münchener Museum für Völkerkunde aus. Bense war so etwas wie der Sloterdijk der 1950er-Jahre, ein Verfechter der Abstraktion, der sich selbst gerne vollmundig über alles nur Erdenkbare von Metaphysik bis Mathematik reden hörte. Anwesend war jedoch nicht der Herr Professor, sondern nur dessen angeblicher Koffer, aus dem jede Menge Geplapper über die “Zeichenwelt und Signalwelt” auf “deutsch, lateinisch und hegelianisch” (SZ von 1959) ertönte.

Mit ihrem Heft “SPUR im Exil”, das die Künstler 1961 in Münchener Kneipen verkauften, löste die Gruppe den längsten deutschen Prozess wegen Verbreitung pornografischer und gotteslästerlicher Schriften aus, der erst 1975 niedergelegt wurde. Stein des Anstoßes war unter anderem ein Text, der sich über die Verkultung der Jungfrau Maria lustig machte und Sätze enthielt wie: “Ministerpräsidenten stinken auch unter den Achseln.”

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aus Intro #142 (September 2006)
 
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