Hannah Dougherty

Aliens im Schrebergarten

17.07.2006, 08:00, Text: Jan Kedves

“Wovon träumt die eigentlich nachts?” wird man sich fragen, wenn man die Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Hannah Dougherty zum ersten Mal sieht. Da tummeln sich, wild zusammenfabuliert, müde Hirsche, überdimensionierte Einmachgläser, leere Sprechblasen, geflügelte Esel, Vogelhäuser, rote Punkte. Sinn macht das überhaupt nicht. Muss es aber auch nicht. Hannah Doughertys Oeuvre soll erst mal nichts weiter als verstören. Und dann lustig sein.

An Wiedererkennungswert mangelt es schon mal nicht: Wo Jackson Pollock unablässig Farbe klecksen ließ, wo Georg Baselitz grundsätzlich alles auf den Kopf dreht oder wo der leider nicht ganz so bekannte Freddy Langer berühmten Stars immer wieder dieselbe Schlafbrille aufsetzt, um sie dann mit seiner Polaroidkamera zu porträtieren, entscheidet sich Dougherty konsequent für ein Gartenaccessoire: Vogelhäuschen, Vogelhäuschen, immer wieder Vogelhäuschen. Sie werden von der in Philadelphia geborenen 26-Jährigen gemalt, aufgestellt, und aufgestellt an die Wand gemalt. Warum nicht Badewannen, Dampfkochtöpfe oder Boxhandschuhe?


Es ist ganz einfach: Hannah Dougherty liebt Vogelhäuser, weil sie so schön perverse Geschichten von Domestizierung erzählen – von der grausamen menschlichen Angewohnheit, ein bisschen Gott zu spielen und sogar Tieren, die ihnen nicht unmittelbar “nützlich” sind, das Leben “angenehmer” machen zu wollen. Ist es nicht so, dass Menschen sich ein Leben in der Luft, so völlig vogelfrei, ohne ordentliches Dach über dem Kopf, als schrecklich vorstellen? Da lässt sich doch helfen!

Missverständnisse und missglückte Annäherungsversuche wie diese sind es, die Dougherty, die in Baltimore Kunst studiert hat und vor vier Jahren nach Berlin zog, beflügeln. Dass neben Vogelhäusern in ihren Bildern und Installationen auch mit auffälliger Regelmäßigkeit Lebewesen auftauchen, die fabelhafte Zwitterformen von Mensch und Tier darstellen, wundert da nicht. Zentauren stammen zwar aus der griechischen Mythologie, sie könnten aber auch Ergebnisse schrecklich entgleister Gen-Experimente sein. Oder Protagonisten der wirren Schilderungen eines Aliens, das sich einen Tag lang auf der Erde umschauen durfte und ob der Masse gesampelter, unverstandener, nicht kategorisierbarer Eindrücke von ein-, zwei- oder vierbeinigen Objekten und Lebewesen wahnsinnig geworden ist. Plötzlich sehen Vogelhäuschen aus wie einbeinige Menschen. Hannah Doughertys Werke könnten als naiv-bunte Zeugnisse eines herben Kulturschocks gelesen werden. Wer daran zweifelt: Ihre Kunst kommt gut an.

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aus Intro #141 (August 2006)
 
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